Laßt die Bären los!

Laßt die Bären los! von John Irving

Laßt die Bären los! von John Irving

John Irving ist einer meiner Lieblingsschriftsteller und so war es für mich umso interessanter, sein Erstlingswerk „Laßt die Bären los!“ zu lesen. Darum geht es:

„Laßt die Bären los!“ ist die tragisch-komische, skurrile Geschichte von Siggi Javotnik und Hannes Graff, die sich eines Tages aufmachen zu neuen Ufern. Wichtige Rollen spielen dabei ein Motorrad, Mädchen und vor allem Bären, die Lieblingstiere des Autors. Bereits mit diesem Debut profilierte sich John Irving als einer der ungewöhnlichsten Schriftsteller Amerikas, nicht nur, weil seine Lieblingsbeschäftigung neben Romanschreiben Ringen und Gewichtheben ist, sondern weil sich seine Bücher mit erstaunlicher Vitalität allen Einordnungsversuchen widersetzen; inhaltlich wie formal.

Ja, tatsächlich, was für ein Debut! Nicht nur daß Irving für seinen ersten Roman einen den Amerikanern völlig fremden Schauplatz wählt (Wien) und sich mit den politischen Wirren des 2. Weltkriegs in Jugoslawien beschäftigt, nein, er verweigert sich auch noch einer geradlinigen Erzählweise. Da wird munter die Geschichte mitten im Geschehen unterbrochen, um abwechselnd die sehr weitläufige Biographie von Siggi Javotnik und dessen Aufzeichnungen über eine heimlich im Zoo verbrachte Nacht zu erzählen.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb nimmt das Buch den Leser von Anfang an gefangen. Irvings Figuren sind in „Laßt die Bären los!“ noch nicht ganz so skurril wie in seinen späteren Werken (auch wenn schon viele Motive auftauchen, die sich auch in seinen folgenden Romanen finden). Aber allesamt sind sie so liebevoll und einzigartig gezeichnet, daß man nicht umhin kommt, ihr Leben über viele Seiten hinweg (und bei Irving sind es immer wirklich wirklich viele Seiten) beobachten zu wollen. Und es ist eigentlich bei kaum einem anderen Schriftsteller, daß ich mich beim Tod eines der Protagonisten dabei erwische, leise „oh nein, oh nein, oh nein“ vor mich hin zu murmeln.

Wirklich beeindruckt aber hat mich bei diesem allerersten Roman Irvings seine schon hier absolut wunderbare Sprache:

Am Morgen lag Reif, und das Gras reflektierte tausend verschiedene Sonnenprismen; die Uferwiese zur Flußschlucht hin glich dem Parkett eines Ballsaals, das die Muster eines raffinierten Kronleuchters einfing. Ich lag auf der Seite und blinzelte durch das Rauhreif-Gras zur Schluchtwand. Die Zeltbahn fühlte sich kühl an meiner Wange an, und die Grashalme wirkten größer als die Bäume; der Reiftau stand in funkelnden Teichen zwischen den Halmen. Eine Grille kam vorbei und benutzte das Gras als Stelzen, um die – für eine Grille teichgroßen – Tröpfchen zu überbrücken; ihre Gelenke waren reifbedeckt, und sie schien unterwegs aufzutauen.

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