Schlagwort-Archive: Rußland

Ein fröhliches Begräbnis

Ein fröhliches Begräbnis von Ljudmila Ulitzkaja
Ein fröhliches Begräbnis von Ljudmila Ulitzkaja

Ein Atelier in New York, mitten in der brütenden Hitze des Großstadtsommers. Der russische Maler Alik leidet an Muskelschwund, er liegt im Sterben. Um ihn herum hat sich eine bunte Menschenmenge versammelt: die Frauen, die er geliebt hat, die alten Freunde aus Rußland, viele neue Freunde aus Amerika. Sie alle lieben und verehren den charismatischen Künstler und begleiten geduldig seine letzten Tage – Tage, die durch Ljudmila Ulitzkajas Erzählkunst zum großen Fest der Charaktere, der Geschichten und des Lebens werden.

Ich liebe russische Autoren. Und auch Ljudmila Ulitzkaja hat mich mit „Ein fröhliches Begräbnis“ nicht enttäuscht. Das Buch ist ungeheuer gut!

Die Ulitzkaja ist eine wunderbare Erzählerin, man verschlingt ihre Geschichte geradezu. Dabei passiert wirklich nichts spannendes: Von Anfang an ist klar, daß der Maler Alik sterben wird, alle seine Freunde versammeln sich um ihn (wie sie das immer tun) und warten gemeinsam auf sein Ende. Schließlich stirbt er und sie begraben ihn. Das einzig halbwegs aufregende ist der Putschversuch 1991 in Rußland, den die Emigranten gespannt im Fernsehen verfolgen.

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Meisternovellen

Meisternovellen von Maxim Gorki
Meisternovellen von Maxim Gorki

Maxim Gorki ist der Klassiker der russischen Moderne, ein Meister der Kunst des Andeutens und Verschweigens. Abenteuer und Diebe, Landstreicher und die Welt der kleinen Leute stehen im Mittelpunkt seiner Erzählungen: „Man muß dem Menschen einen Igel unter die Schädeldecke setzen, damit er sich nie beruhigt.“

In „Meisternovellen“ werden zehn Novellen Maxim Gorkis aus verschiedenen Schaffensperioden zusammengefaßt. Ich würde sie jetzt nicht alle als tatsächliche Meisterstücke beschrieben (und tatsächlich noch nicht einmal alle als Novellen). Es sind schwächere Geschichten dabei, aber auch einige seiner stärksten und bekanntesten. Auf alle Fälle geben sie einen guten Überblick über Gorkis Themen.

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Nummer 5 hat keine Chance

Nummer 5 hat keine Chance von Polina Daschkowa
Nummer 5 hat keine Chance von Polina Daschkowa

Es sollte ein bombensicheres Geschäft sein. Die junge Lehrerin Natalja investiert ihre letzten 500 Dollar und verliert alles. Völlig benommen läuft sie auf die Straße – und dabei denjenigen in die Hände, die für ihren Ruin verantwortlich sind …

Wenn ich „Nummer 5 hat keine Chance“ nicht als Mängelexemplar zu einem sehr reduzierten Preis gekauft hätte, wäre ich wohl sehr sehr enttäuscht. So zucke ich mit den Schultern und lege das schmale Bändchen zur Seite, das angeblich ein „Moskau-Krimi“ sein soll (zumindest wird das auf dem Cover versprochen).

OK, die Geschichte spielt tatsächlich in Moskau und es geht auch irgendwie um ein Verbrechen, aber ein Krimi ist das deshalb noch lange nicht. Von vornherein ist nämlich klar, wer die Kriminellen sind, wie sie ihr Verbrechen durchführen und warum. Auch Spannung oder gar Mitfiebern wollen auf den gerade einmal 92 Seiten nicht aufkommen. Wieso auch? Der sympathischste Charakter ist doch eh der Gangster, der den Geschmacksinn eines Gourmetkochs hat und eigentlich nur sein eigenes Restaurant aufmachen möchte.

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Wieviel Erde braucht der Mensch?

Wieviel Erde braucht der Mensch? von Leo N. Tolstoi
Wieviel Erde braucht der Mensch? von Leo N. Tolstoi

Die „Erzählungen und Legenden“ in „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ sind Leo N. Tolstois Versuch in einer einfachen, volkstümlichen Sprache, den Ungebildeten und Leseunkundigen die Grundsätze des christlichen Lebens nahezubringen. Entsprechend christlich eingefärbt ist der Tonfall der sieben hier vertretenen Geschichten. Sie sind zudem durchweg ein wenig kitschig. Trotzdem lesen sie sich sehr schön und sind in gewisser Weise auch sehr rührend. Ein guter Einstieg in Tolstois Schaffen!

Hier ein Überblick über die einzelnen Geschichten:

In der titelgebenden Geschichte Wieviel Erde braucht der Mensch? versucht der Teufel einen Bauern. Der rafft daraufhin immer mehr und mehr Grund und Boden zusammen. Bis er sich schließlich so verausgabt, daß er stirbt. Das Stück Erde, das er am Ende noch braucht, ist genau sechs Ellen lang: Der Raum nämlich, den sein Grab einnimmt. – Für mich sowohl die beste als auch die zynischste der Geschichten. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob letzteres vom Autor beabsichtigt war.

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Das Leben der Insekten

Das Leben der Insekten von Wiktor Pelewin
Das Leben der Insekten von Wiktor Pelewin

Die fünfzehn Episoden des Romans sind keine klassischen Allegorien, in denen Tiere für Menschen stehen, um „menschliche Schwächen“ aufzuspießen (eine übliche Präparationsform für Insekten, wie man weiß). Pelewin geht einen schwierigeren Weg. Er läßt die Tiere leben, wodurch auch der Mensch in ihnen richtig Mensch sein darf. Seine Protagonisten sind stets beides zugleich: Mensch und (Kerb-)Tier. Sie verpuppen und entpuppen sich immerzu als zutiefst animalische und höchst vergeistigte Wesen, was zu grotesken Zerreißproben führt.

„Das Leben der Insekten“ ist ein wirklich außerordentlich vergnügliches Buch, wenn man bereit ist, sich auf Wiktor Pelewins Konzept einzulassen. Und das ist eigentlich ganz einfach: Insekten sind Menschen sind Insekten sind Menschen. Wenn man erst einmal akzeptiert hat, daß Sam Sucker eine Mücke UND ein amerikanischer Geschäftsmann ist, dann ist dieses Buch wirklich ganz ausgezeichnet.

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Klick

Klick von Sergej Bolmat
Klick von Sergej Bolmat

Klick erzählt die Geschichte von Tjoma und Marina, deren Hochzeitspläne aus verschiedenen Richtungen torpediert werden. Auch die russische Mafia spielt dabei eine Rolle.

Ohne Scheu auf westliche Versatzstücke bis hin zu Hollywoodklischees zurückgreifend, hat Bolmat einen fesselnden Liebesroman voller Ironie geschrieben, der bei allen Überspitzungen und überraschenden Metaphern ein eindringlicheres Bild vom Leben der jungen Leute in Sankt Petersburg zeichnet, als es vermeintlich „realistische“ Romane könnten. Machen Sie sich auf eine rasante Lektüre gefaßt.

„Klick“ ist wirklich eine rasante Lektüre. Sergej Bolmats Protagonisten sind Junkies, Verrückte, Obdachlose und Gangster, sie nehmen Drogen, haben Sex, bringen sich gegenseitig um, heiraten zwischendurch auch noch (oder versuchen es zumindest), unterhalten sich über Literatur und schreiben Gedichte. Dabei sind viele Szenen, die er beschreibt, quasi alternative Szenen, die nur in der Phantasie eines der Protagonisten passieren oder als zweite Möglichkeit angedeutet werden, so daß man nie ganz sicher sein kann, was tatsächlich real passiert und was nicht. Oft fühlt man sich dadurch wie in einem absurden Theater.

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Das darfst du nicht!

Das darfst du nicht! von Walli Nagel
Das darfst du nicht! von Walli Nagel

Walli Nagel verbrachte ihre Kindheit in Petersburg, erlebte die Revolution des Jahres 1917, machte die Bekanntschaft bedeutender Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens (Lenin, Krupskaja, Lunatscharski u.a.), studierte Schauspiel, Ballett und Gesang und lernte schließlich den Maler Otto Nagel kennen, der sie kurzentschlossen heiratete und nach Deutschland mitnahm. Das war 1925.

In ihren Erzählungen werden Stationen dieser Entwicklung sichtbar, tauchen große Künstler auf (Zille, Kollwitz u.v.a.m.). Die Autorin erzählt ihr „schönes, schweres Leben“ humorvoll und mit großer Parteilichkeit.

Von „Das darfst du nicht!“ hatte ich mir, ganz ehrlich, mehr erwartet. Walli Nagel hatte nämlich ein mehr als nur interessantes Leben. Als Walentina Alexandrowna Nikitina in St. Petersburg geboren, erlebt sie die Zarenherrschaft und die Revolution, sie heiratet den deutschen Maler Otto Nagel, folgt ihm nach Berlin und engagiert sich dort wie er in der kommunistischen Partei. Nach 1933 erleben sie den Schrecken der Nazi-Zeit, Otto Nagel wird ins KZ gebracht, seine Frau bekommt ihn durch Bestechung frei, trotzdem arbeiten sie bis zum Kriegsende weiter im Untergrund. Die beiden arbeiten am Aufbau des neuen Staates DDR aktiv mit und haben beste Kontakte zu Künstlern und in die UdSSR.

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