Schlagwort-Archive: Niederlande

Die Verabredung

Die Verabredung von Margriet de Moor
Die Verabredung von Margriet de Moor

In ihrem neuen Roman erzählt Margriet de Moor eine ganz ungewöhnliche Dreiecksgeschichte. Sie verbindet darin zwei Themen: die Suche nach dem unbekannten, unerreichbaren Anderen und die Arglosigkeit, um nicht zu sagen Unschuld der Menschen gegenüber dem, was wir Schicksal nennen.

Naja, mit Margriet de Moor werde ich wohl nicht mehr so recht warm. Schon „Der Virtuose“ war nicht besonders toll, und auch „Die Verabredung“ ist bestenfalls mittelmäßig.

Auch hier wieder findet man alle Elemente, die mir schon bei „Der Virtuose“ nicht gefallen haben: Das beständige Springen von Gegenwarts- zu Vergangenheitsform (manchmal sogar innerhalb eines Absatzes!) ist einfach grausam. Genauso fröhlich wird auch wieder durch die Zeiten gesprungen: Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit, alles läuft irgendwie parallel. Dadurch kommt natürlich auch einfach keine Spannung auf. Denn kaum fragt man sich, ob diese beiden Leute wirklich ein Verhältnis miteinander anfangen, nur weil er zufällig ihren Terminkalender gefunden hat, in dem ein Termin mit ihm selbst (er ist Tierarzt) eingetragen ist. Und schon im nächsten Satz springt die Autorin zur Zukunft und verrät, ja, ja sie werden! Oh well …

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Augenstern

Augenstern von Harry Mulisch
Augenstern von Harry Mulisch

Italien kurz nach dem Krieg. An einer Tankstelle hält ein Rolls-Royce. Der Tankwart, ein junger Niederländer, macht die alte Dame artig darauf aufmerksam, daß er jedes Wort der auf Holländisch geführten Unterhaltung verstehe. Beeindruckt lädt die alte Dame ihn ein, sie nach Capri zu begleiten. Doch das stilvolle Luxusleben im Palazzo findet für den Nachwuchs-Dandy und Möchtegern-Schriftsteller ein jähes Ende.

In „Augenstern“, das mit Witz, Leichtigkeit und Klugheit die Tücken des Erwachsenwerdens schildert, zeigt sich Harry Mulisch ganz von seiner heiteren Seite.

Nachdem ich mit „Das Attentat“ bisher ja eher schweren Stoff von Harry Mulisch gelesen habe, war ich von „Augenstern“ wirklich überrascht. Das Buch ist mindestens so gut wie „Das Attentat“ und gleichzeitig so heiter und spielerisch, daß es wirklich Spaß macht. Zudem ist das Bändchen auch noch so schmal, daß man es leicht in einem Rutsch durchlesen kann.

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Gott fährt Fahrrad

Gott fährt Fahrrad von Maarten 't Hart
Gott fährt Fahrrad von Maarten 't Hart

Nachdem mir „Das Wüten der ganzen Welt“ von Maarten ‚t Hart so gut gefallen hat, war ich von „Gott fährt Fahrrad“ ein wenig enttäuscht. Es ist sicher kein schlechtes Buch. ‚t Hart schreibt auf charmante, nachdenkliche und humorvolle Weise über seinen Vater.

Die Tatsache, daß bei seinem Vater Bauspeichelkrebs diagnostiziert wurde und er der einzige ist, der das weiß, lassen den Erzähler mit sich ringen. Er erinnert sich an seine Jugend zurück, und versucht sich auch in der Gegenwart seinem rauhbeinigen Vater wieder anzunähern. Seine Gedanken über den Tod und das Leben sind dabei an vielen Stellen erstaunlich tiefsinnig.

Trotzdem vermisse ich hier ein wenig die Größe von „Das Wüten der ganzen Welt“. Ob das an der sehr persönlichen Färbung des Themas liegt, ob man erst mit einigem Abstand große Kunst schaffen kann … ich weiß es nicht. Ich habe hier aber noch einen Roman von ‚t Hart liegen. Vielleicht zeigt es sich ja dort.

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Die folgende Geschichte

Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom
Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom

Schon von Cees Nootebooms „Allerseelen“ war ich begeistert. „Die folgende Geschichte“ ist noch besser, geradezu atemberaubend!

Wie immer ist Nootebooms Sprache ganz wunderbar, man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und Sätze von purer Schönheit lesen. Egal, ob er Menschen beschreibt oder Situationen, ob er Schauplätze, Teile einer Stadt schildert, Erinnerungsfetzen heraufbeschwört oder über Literatur nachdenkt, immer geschieht das in einer ungeheuer poetischen und dabei so kargen, fast knappen Sprache. Einfach grandios!

Die Geschichte, die er uns dabei erzählt, ist mehr als mysteriös und jedesmal, wenn wir denken, wir haben begriffen, was da geschildert wird, passiert wieder etwas, das alles umwirft. Ein Mann wacht eines Morgens in einem Hotelzimmer in Lissabon auf, obwohl er sich genau daran erinnert, am Abend davor in seiner Wohnung in Amsterdam ins Bett gegangen zu sein. Wir erfahren nach und nach, daß er schon älter ist und nicht gerade hübsch, ein ehemaliger Lateinlehrer, der mittlerweile Reiseführer verfaßt. In seiner aktiven Lehrzeit hatte er ein Verhältnis mit einer Biologielehrerin, deren Mann seinerseits ein Verhältnis mit einer Schülerin hatte. Wie alle diese Geschichten, geht auch dieses Mehrecksverhältnis schlecht aus, sogar fatal, denn die Schülerin stirbt bei einem Unfall. In Lissabon erinnert er sich an einige Tage, die er mit seiner Geliebten hier verbracht hat, besucht noch einmal die Stätten, die er auch mit ihr besucht hat, und besteigt schließlich ein Schiff, das ihn zusammen mit einigen Mitreisenden nach Südamerika bringt.

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Der Virtuose

Der Virtuose von Margriet de Moor
Der Virtuose von Margriet de Moor

Süditalien, Anfang des 18. Jahrhunderts: Carlotta stammt aus verarmtem Adel, ihr Vater hat Ländereien und Vermögen verspielt. Sie liebt den Gesang, vor allem, wenn Gasparo Conti seine unvergleichliche Stimme erhebt. Schon als zehnjähriges Mädchen war sie verzaubert, wenn der Elfjährige in der Kirche hres Dorfes nicht weit von Neapel sang: „Überrascht lauschte ich dem leisen Einsatz, dem langen Ton und dem Crescendo, das sich wie ein straffes Seidenband spannte.“ Eines Tages ist Gasparo verschwunden. Jahre später taucht er als gefeierter Kastrat wieder auf. Carlotta, inzwischen gut verheiratet mit dem Herzog von Rocca d’Evandro, der ihr alle Freiheit läßt, hört ihn im neuen Teatro San Carlo in Neapel und ist nicht nur von seinem atemraubenden Können entzückt, sondern auch von seiner Schönheit: „Groß: eine hochgewachsene Gestalt. Kräftig: Die Jacke mit den bauschigen Ärmeln spannt an der Brust. Voll: Seine Lippen sind noch genauso mädchenhaft und dick, wie ich sie von ganz früher in Erinnerung habe.“ Sie verführt ihn, dessen ganze Leidenschaft zuerst der Musik und seiner Kunst gilt, und gewinnt ihn ganz. Töne und Berührungen, Kantilenen und Umarmungen, Koloraturen und Küsse gleiten untrennbar ineinander. Dazu die Pracht des amourösen Jahrhunderts: Reiche Gewänder, Essen und Trinken, bunt bemalte Kaleschen, Blicke aufs Meer, Liebeshändel. Im Zentrum aber stehen die Musik und die Liebe, die Oper und ihr strahlender Held, der Carlotta von der Magie des Singens erzählt, von seinen Reisen und von seinem Komponistenfreund Händel in London. Und Carlotta lockt Gasparo immer tiefer in die Geheimnisse des Liebens …

Ich habe „Der Virtuose“ kurz nachdem es herausgekommen ist, schon einmal gelesen und fand es nicht so toll. Nachdem es in dem Buch um Sex und Musik geht, dachte ich, eventuell konnte ich es mit 17 noch nicht ganz so würdigen und habe es im Rahmen der SZ-Bibliothek noch einmal gelesen.

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Das Wüten der ganzen Welt

Das Wüten der ganzen Welt von Maarten 't Hart
Das Wüten der ganzen Welt von Maarten 't Hart

Irgendwie scheine ich in letzter Zeit ein gutes Händchen für niederländische Autoren zu haben. „Das Wüten der ganzen Welt“ ist ein wirklich großartiges Buch, das ich innerhalb von nur zwei Tagen regelrecht verschlungen habe.

Vielleicht liegt das daran, daß hier gleich mehrere Themen verwoben sind, die mich schon immer sehr interessiert haben: Die Auswirkungen der Nazi-Zeit in Deutschland und den Nachbarländern (einer meiner Urgroßväter hatte als Gewerkschaftsmann und SPDler massive Probleme mit der Gestapo) und … Musik!!! (Es gibt nur wenige in meiner Familie, die kein Instrument spielen, viele spielen sogar mehr als eines.) Das alles verbunden mit einem seltsamen Mord, vielen Geheimnissen und Rätseln.

Maarten ‚t Hart schafft es dabei, besser als in vielen Krimis, dem Leser Hinweise auf die Lösung des Falls zu geben. Er schafft es sogar, daß man sich dem Protagonisten (der, wie er selbst zugibt, sehr sehr naiv und unbedarft ist) überlegen fühlt und meint, viel eher auf die Lösung gestoßen zu sein. Aber dann erlebt man eine große Überraschung. Innerhalb der letzten Seiten dreht sich die Geschichte noch einmal völlig. Und auch darauf hat es Hinweise gegeben, die man einfach nur nicht gesehen hat.

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Allerseelen

Allerseelen von Cees Nooteboom
Allerseelen von Cees Nooteboom

Berlin im Schnee. Der Niederländer Arthur Daane streift durch die winterliche Großstadt, auf der Suche nach Motiven für einen Film, den er schon seit langer Zeit drehen will, aber auch auf der Suche nach den Erinnerungen an seine Frau und seinen Sohn, die er beide bei einem tragischen Unglück verloren hat. In der melancholischen Stimmung im Berlin der 90er Jahre, das zwischen Vergangenheit und Zukunft aus der Zeit gefallen zu sein scheint, findet er neue Weggefährten: den Philosophen Arno Tieck, den Bildhauer Victor Leven und die Physikerin Zenobia Stein, mit denen er in eindringlichen, aber auch humorvollen Gesprächen mehr als nur sich selbst findet. Und dann ist da noch die junge Geschichtsstudentin Elik Oranje, in die er sich bedingungslos verliebt und der er bis nach Madrid folgt – und noch weiter.

Nootebooms Berlinroman „Allerseelen“ (1999) ist eine einfühlsame Geschichte von einem Menschen auf der Suche nach sich selbst, vom Umgang mit der Erinnerung und der Selbstvergessenheit der Liebe. Zugleich zeichnet sie ein intimes Portrait des neuen Berlin, das wie aus einem Winterschlaf zu erwachen scheint.

Ein Roman in dem ein Niederländer über Deutschland schreibt? Ich war ein bißchen skeptisch, was dabei herauskommen würde … Als ich „Allerseelen“ dann aber gelesen habe, war ich restlos begeistert. Cees Noteboom schreibt mit einer solch hinreißenden Poesie, seine Charaktere und die Schauplätze sind allesamt in eine unterschwellige Melancholie getaucht, die teilweise in bittersüße Nostalgie umschlägt.

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Der Wandschirm aus rotem Lack

Der Wandschirm aus rotem Lack von Robert van Gulik
Der Wandschirm aus rotem Lack von Robert van Gulik

Am Anfang seiner Karriere macht Richter Di auf einer Dienstreise durch die Provinz Zwischenhalt in Wei-ping. Er wird um Hilfe in einem äußerst mysteriösen Mordfall gebeten und in zwei weitere Kriminalfälle verwickelt. Im Laufe seiner Untersuchungen dringt Richter Di mit seinem Assistenten Tschiau-tai inkognito in die Unterwelt von Wei-ping ein und lebt für zwei Tage und zwei Nächte an der Seite ihres Herrschers. Mit dessen Mätresse hat Richter Di ein unangenehmes Stelldichein, während Tschiau-tai in ein Liebesabenteuer mit einer Dame von ganz anderem Schlag verwickelt wird.

Gerade als Richter Di die Fälle gelöst zu haben glaubt, ändert sich die ganze Lage, alle Fakten müssen neu interpretiert werden …

Was Krimis angeht bin ich anspruchsvoll. Und da ich ein großer Fan von Agatha Christie bin, auch gut geübt im Mitraten und Verfolgen verschlungenster Fälle. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat mir „Der Wandschirm aus rotem Lack“ gut gefallen. In der schönsten Tradition englischer Krimis löst Richter Di seine Fälle, das heißt, der Leser ist genauso über die Täter im Unklaren wie der Ermittler. Er kann mitraten (in diesem Buch sogar gleich parallel in drei verschiedenen Fällen) und seine eigenen Schlüsse ziehen. Beim Fall des reichen Kaufmanns und auch bei den veruntreuten Rechnungen lag ich diesmal richtig, bei der Sache mit dem Wandschirm allerdings habe ich einen entscheidenden Hinweis übersehen. Spaß gemacht hat das Rätseln aber auf alle Fälle!

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Das Attentat

Das Attentat von Harry Mulisch
Das Attentat von Harry Mulisch

Anton Steenwijk ist noch ein Junge, als das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande besetzt. Als Widerstandskämpfer einen Offizier der holländischen Faschisten erschießen und den Leichnam vor dem Haus seiner Eltern ablegen, sind die Folgen für Anton dramatisch. Die Deutschen stecken sein Elternhaus in Brand, und Anton wird von seinen Familienangehörigen getrennt, die noch an Ort und Stelle umgebracht werden. Er wächst fortan bei einem Onkel auf und beginnt nach und nach, die Ereignisse zu verdrängen. Selbst als er nach Kriegsende vom schrecklichen Los seiner Angehörigen erfährt, verspürt er keinen Drang, die Täter ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Berufswahl wirkt geradezu symbolhaft: Er arbeitet als Anästhesist, aber eigentlich, so scheint es, will er seine eigene traumatisierte Erinnerung betäuben. Doch immer wieder wird er mit der Vergangenheit konfrontiert, bis er eines Tages die Augen nicht mehr verschließen kann.

Mulischs Roman „Das Attentat“ (1982) ist eine meisterhaft erzählte Parabel vom Erinnern und Verdrängen, von kollektiver Schuld und individuellen Traumata. Sie ist spannend wie eine Detektivgeschichte und war der wohl größte literarische Erfolg in den Niederlanden der 80er Jahre.

Das vierte Buch der SZ-Bibliothek, das sich mit Krieg und den Folgen des Krieges beschäftigt. Dieses Mal aus der Sicht der Besetzten, der Niederländer. Harry Mulisch schafft es in „Das Attentat“, auf beeindruckende Weise zu demonstrieren, wie die Besatzung die Leute verändert. Kollaborateure, einfache Menschen, Opfer, sie alle werden vom Krieg, von der Besatzung berührt, verändert, geformt. Oft, ja meistens, zum Schlechteren.

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Durch das Nadelöhr

Durch das Nadelöhr von Bernard Lievegoed
Durch das Nadelöhr von Bernard Lievegoed

Dieses Buch ist die Aufzeichnung eines dreitägigen Gesprächs, das der niederländische Journalist Jette von der Meulen mit Bernard Lievegoed geführt hat. Im lebendigen Ausdruck des gesprochenen Wortes offenbart sich eine ebenso weltoffene wie fragend-forschende Persönlichkeit. Lievegoed erzählt Vergangenes – aus seiner Kindheit und Jugend auf Sumatra, von seinem Weg zur Anthroposophie, ais der Geschichte der Antroposophischen Gesellschaft – aber sein Blick ist dabei stets in die Zukunft gerichtet. In seinen vielfältigen Initiativen wie in den anthroposophischen Fragen, die ihn besonders bewegen, scheint ein Grundprinzip auf – Entwicklung.

Eigentlich hatte ich gehofft, in „Durch das Nadelöhr“ etwas mehr über die Biographie von Bernard Lievegoed zu erfahren. Man erfährt auch einige Dinge aus seinem Leben und erhält einen interessanten Einblick in das „Innenleben“ der Anthroposophischen Gesellschaft. Im Gegensatz zu einigen seiner „Kollegen“ erscheint Lievegoed in diesem Zusammenhang als sehr sympathischer Typ, der mit beiden Beinen im Leben steht und gerne zupackt, handelt und hilft.

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