Schlagwort-Archive: Spanien

Mararía

Mararía von Rafael Arozarena
Mararía von Rafael Arozarena

Im Dorf Femés, bei den Feuerbergen Lanzarotes ist es Sache der Hunde, den anbrechenden Morgen zu verkünden. Wütend bellen sie den Kirchturm an, der schwarz und hoch gegen den Himmel steht. Die Leute sagen, daß die Hunde den Turm mit Mararía verwechseln, denn auch sie ist von hoher dunkler Gestalt. Nur die Augen leuchten wie die Bronze der Glocken und erinnern an jene Frau, die einst das verführerischste Mädchen der Insel war – bevor Eifersucht und Gewalt, Liebe und Wahnsinn über sie hereinbrachen.

„Mararía“ zeigt wieder einmal beeindruckend, wie genial spanische Autoren sind. Bisher wurde ich noch nie von einem spanischen Autoren enttäuscht und auch Rafael Arozarena ist einfach wunderbar. Sein Schreibstil ist dermaßen plastisch, farbenprächtig und poetisch, daß man sich die Menschen, das Land und vor allem das Wetter und die Stimmung ungeheuer gut vorstellen kann. Das mag damit zu tun haben, daß Arozarena auch Lyriker ist.

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Alle Seelen

Alle Seelen von Javier Marías
Alle Seelen von Javier Marías

Ein junger Spanier kommt als Gastdozent am All Souls College nach Oxford, ins Zentrum merkwürdiger Einzelgänger, brillanter Originale, seltsamer Spinner und nervöser Sonderlinge. „Tatsächlich ist Oxford eine der Städte der Welt, in der am wenigsten gearbeitet wird; die Tatsache, dazusein, ist dort sehr viel entscheidender als die Tatsache, etwas zu tun oder gar zu handeln.“ Wie ein Ethnologe beobachtet er die Sitten und Gebräuche dieser besonderen Gesellschaft aus Professoren und Studenten, Alumni und Tutoren, die Marotten und Obsessionen, ohne doch den rechten Eintritt in die Welt dieser ganz eigentümlichen und einmaligen Stadt gleich zu finden. Doch wird er zu einem der „high table“-Dinner geladen, einem dieser speziellen Oxforder Universitätsrituale. Das Dinner auf erhöhtem Platz vor den Augen der Studenten entwickelt sich im Laufe des Abends allerdings zum grotesken Gelage. Während des Essens treffen sich seine Blicke mit denen der verheirateten Dozentin Clare Bayes. „Ich muß sagen, so wie Clare Bayes mich verstohlen mit einer Mischung aus Spott und Mitgefühl beobachtete, beobachtete auch ich sie mit großem Gefallen und später, als der allgemeine Verfall am Tisch eingesetzt hatte, mit offener sexueller Bewunderung.“ So beginnt eine Affäre in Oxford …

Wieder ein verwirrender Klappentext. Manchmal frage ich mich, ob die Klappentextschreiber die Bücher überhaupt lesen oder nur ihre Zusammenfassung. „Alle Seelen“ ist nämlich weniger ein Buch über eine Liebesgeschichte, auch wenn eine Liebesgeschichte darin eine Rolle spielt. Es ist vielmehr ein Buch über Oxford, über seine seltsame Universitätsgesellschaft, über Heimat und Herkunft, Emotionen und die Art sie zu zeigen, über Lebensziele und Lebensträume, Würde, Sterben … Und tatsächlich auch eine Art ethnologische Aufzeichnung eines Außenseiters über einen seltsamen Stamm.

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Landschaften nach der Schlacht

Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo
Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo

Eine verrückte, doch höchst reale Welt tut sich in diesem Buch auf, in dem der Protagonist durch das Sentier-Viertel von Paris streift – dort wohnt er in der Rue Poissonière und ebenso seine Frau, die aber in einem eigenen Appartement haust, er verkehrt mit ihr durch Zettel, die er unter der Tür durchschiebt. „Was ihn anzieht – und seinem beklagenswert gröblichen Geschmack entgegenkommt -, ist das aufgepfropfte, postkoloniale, barbarisierte Paris von Belleville oder Barbès, ein Paris, das nichts Kosmopolitisches oder Kultiviertes hat, das Paris der Analphabeten und Metöken.“ Doch er treibt sich auch in seinen Phantasien, Obsessionen und Gedankenspielen herum, in denen es nicht schön, sittsam, friedlich und freundlich zugeht, sondern häßlich, unsauber, aggressiv und obszön. „In die Realitäten einzutauchen ist ein ebenso riskantes Unterfangen wie das Betreten eines Minenfeldes.“ Der Protagonist ist griesgrämig, neigt zur Pädophilie, schwärmt für Lewis Carroll, den Erfinder von „Alice im Wunderland“, und stellt Collagen aus Zeitungsausschnitten und pornographischer Leserpost genauso zusammen, wie er sich Stalin zurechtträumt oder Albanien als surreales Paradies entwirft oder sich vorstellt, wie sich der Klimawandel konkret auswirkt auf die Küstenstreifen oder tiefliegende Länder. Und er liebt die Poesie der mystischen Sufi-Derwische …

„Landschaften nach der Schlacht“ ist eines dieser Bücher, von denen ich nicht so recht weiß, was ich von ihnen halten soll. Es hat Stellen, die einfach brillant sind. Gerade die surrealen Passagen, in denen z.B. ganz Paris auf einmal in arabischer Schrift ausgeschildert ist und keiner der „Ureinwohner“ sich mehr zurecht findet. Oder die Abschnitte über obskure Wiederstandsbewegungen obskurer Klein- und Kleinststaaten und -völker. Und vor allem meine Lieblingsepisode, in der zur Jubilarfeier der unbekannte Soldat aus seinem Grab in Paris exhumiert wird, um ihm endlich ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, und sich dann herausstellt, daß dort ein Schwarzer begraben liegt. Das ist witzig, spritzig, das ist köstlich, ironisch, komisch.

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Bocanegra

Bocanegra von Alberto Vázquez-Figueroa
Bocanegra von Alberto Vázquez-Figueroa

Spanien, 17. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Neue Welt strandet Leon Bocanegra mit seinen Männern vor der Küste Westafrikas. Als sie von einem Beduinenstamm als Sklaven verkauft werden, beginnt ein langer, qualvoller Marsch durch das endlose Sandmeer der Wüste. Eines Tages gelingt Bocanegra die Flucht – doch der Weg in die Freiheit ist weit, er führt quer durch den afrikanischen Kontinent …

„Bora Bora“ von Alberto Vázquez-Figueroa hat mir gut gefallen, weshalb ich gleich zugegriffen habe, als „Bocanegra“ bei BookCrossing als BookRing angeboten wurde. Allerdings muß ich sagen, daß ich ein wenig enttäuscht bin von dem Buch.

Sicher, „Bocanegra“ ist eine wirklich spannende Abenteuergeschichte. Der Titelheld gerät in Sklaverei, flieht, durchquert ganz Afrika, trifft auf Piraten und findet zum Schluß sogar die Liebe. Er ist erfindungsreich und hart im Nehmen, zäh und clever. Aber irgendwie schafft es Vázquez-Figueroa in diesem Buch nicht, seinen Leser so tief in diese fremde und exotische Welt hineinzuziehen wie in „Bora Bora“. Und gerade das hatte mir so gut gefallen, gerade das hatte ich gehofft, auch in „Bocanegra“ zu finden. Schade.

Bora Bora

Bora Bora von Alberto Vázquez-Figueroa
Bora Bora von Alberto Vázquez-Figueroa

Tapú Tetanúi, ein junger Bewohner der Südseeinsel Bora Bora, steht kurz vor seiner Aufnahme in die Gemeinschaft der Männer, als seine Heimat von Kannibalen überfallen wird. Die Angreifer töten den König von Bora Bora und entführen seine Tochter und Thronerbin Anuanúa. Da bauen die Insulaner einen großen Katamaran, dessen Besatzung Anuanúa zurückholen soll. Die Expedition, der auch Tapú angehört, ist eine Fahrt ins Ungewisse, Abenteuerliche, Gefahrvolle …

„Bora Bora“ ist ein schnell zu lesender Abenteuerroman, der seinen Leser tief in die exotische Welt der Südsee hineinzieht. Alberto Vázquez-Figueroa schafft es wirklich gut, den Blickpunkt der Südseebewohner einzunehmen, die noch nie mit der westlichen Zivilisation in Berührung gekommen sind. Das heißt, einmal kommt die Männer und Frauen des großen Katamarans, der Marara, doch mit Weißen in Kontakt, mit Schiffbrüchigen … und wundern sich, wie unsauber diese seltsamen Menschen doch sind.

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Gefährliche Riten

Gefährliche Riten von Alicia Giménez-Bartlett
Gefährliche Riten von Alicia Giménez-Bartlett

Petra Delicado – Anwältin, frische geschieden – fristet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Polizeiarchiv ein eher unspektakuläres Dasein. Doch plötzlich wendet sich das Blatt, und schneller, als ihr lieb ist, leitet sie die Ermittlungen in einem spektakulärem Fall: Ein Vergewaltiger treibt in den Straßen Barcelonas sein Unwesen. Sein Kennzeichen: ein mysteriöses Mal in Form einer Blume, das er bei allen Opfern hinterläßt. Ein komplizierter Fall und ein nicht minder komplizierter Kollege fordern die Inspectora heraus. Denn Subinspector Fermín Garzón ist nicht nur neu in Barcelona – für den Dickschädel aus der Provinz sind auch die ganz eigenen Methoden seiner forschen Chefin neu.

Krimis sind nicht so mein Ding (wenn man mal von Agatha Christies Werken absieht), spanische Autoren dagegen sehr, insofern war ich ziemlich gespannt, ob mir „Gefährliche Riten“ gefallen würde. Um es kurz zu machen: Nein, es gefällt mir nicht.

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Gefrorene Pfirsiche

Gefrorene Pfirsiche von Espido Freire
Gefrorene Pfirsiche von Espido Freire

Steckt ein altes Familiengeheimnis hinter den anonymen Drohungen, die der Malerin Elsa ins Haus flattern? Die junge Frau flieht zum Großvater – und stößt an allen Ecken und Enden auf Hinweise auf ihre gleichnamige, als junges Mädchen spurlos verschwundene Tante. Ein verwobenes Rätsel um Identität und Vergangenheit entspinnt sich, in dessen Zentrum ein Rezept für gefrorene Pfirsiche zu stehen scheint, das der Großvater vor langer Zeit mit nach Hause gebracht hat. Was ist damals nur geschehen?

Wie um alles in der Welt kann man zu einem solch großartigen Buch wie „Gefrorene Pfirsiche“ einen so bescheuerten Klappentext schreiben? Hat man da im Verlag das Buch nicht verstanden und versucht es deshalb als eine Art Thriller oder Krimi zu vermarkten, weil irgendwie ja schon Leute darin gewaltsam zu Tode kommen?

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