Schlagwort-Archive: Brasilien

Der gegrillte Mann

Der gegrillte Mann herausgegeben von Betty Mindlin
Der gegrillte Mann herausgegeben von Betty Mindlin

Vogelfrauen, Schlangenmänner, fliegende Köpfe, Riesenpenisse und gefräßige Vaginen bevölkern die Mythenwelt der brasilianischen Amazonas-Indianer. Der Kampf der Geschlechter wird mitunter mit drastischen Mitteln ausgefochten, und so mancher Galan endet auf dem Grill. Doch neben schwarzem Humor und dem Vergnügen am Schrecken dominiert die Hingebungsfreude, die Lust an der Lust, die sich frei von urbaner Scheu offenbart. Diese Geschichten mit ihrer großen literarischen Kraft entführen uns in eine fremdartige, schillernde, verzauberte Welt, doch die Themen – Liebe, Verführung, Eifersucht, Schmerz – sind universell.

Betty Mindlin hat die vorliegenden Erzählungen während ihrer langen Aufenthalte bei den Amazonas-Indianern gesammelt. Sie erschließen erstmals eine unbekannte Literatur, die vom Untergang bedroht ist.

„Der gegrillte Mann“ ist eine Sammlung von Mythen von sechs verschiedenen Indianerstämmer aus der Amazonasregion. Anders als der Untertitel es impliziert, sind diese Märchen und Erzählungen allerdings keineswegs erotisch, tatsächlich dreht es sich höchstens in der Hälfte der Geschichten überhaupt um Sex. Alle anderen handeln zum großen Teil vom gesellschaftlichen Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Aber vermutlich verkauft sich ein Buch mit Erotik im Untertitel einfach besser.

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Bufo und Spallanzani

Bufo und Spallanzani von Rubem Fonseca
Bufo und Spallanzani von Rubem Fonseca

Gustavo Flávio, der natürlich nicht wirklich so heißt wie Gustave Flaubert, ist ein friedfertiger Mensch und ein berühmter Schriftsteller. Er hat Erfolg bei den Frauen und ein Geheimnis. Als seine Geliebte, die schöne Delfina Delamare, ermordet aufgefunden wird, ist ihr Ehemann racheglühend hinter ihm her. Flávio flüchtet sich in ein Luxushotel mitten in den Urwald. Bei feinstem Essen, inmitten spleeniger Gäste und seltsamer Gespräche – als wär es ein Zauberberg im Dschungel – geschieht noch ein Mord.

Rubem Fonseca hat quasi im Alleingang die brasilianische urbane Literatur erfunden. Kein Wunder, daß „Bufo und Spallanzani“ in der metro-Reihe des Unionsverlags erschienen ist. Wobei ich beim Lesen eher nicht auf die Idee gekommen wäre, das Buch als Krimi zu definieren. Gut, es geschehen zwei Morde und es wird auch ermittelt (der Kommissar ist übrigens eine meiner Lieblingsfiguren), aber irgendwie … hat der Roman nicht die richtige Krimi-Stimmung.

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Neun Nächte

Neun Nächte von Bernardo Carvalho
Neun Nächte von Bernardo Carvalho

Ein Anthropologe nimmt sich im tiefsten brasilianischen Urwald das Leben, ein Journalist forscht nach den Gründen. Doch schon bald wird aus seiner detektivischen Spurensuche die Geschichte einer Besessenheit, die einen immer stärkeren Sog entwickelt.

Da ich selbst einmal Ethnologie und Anthropologie im Nebenfach studiert habe, war ich besonders neugierig auf „Neun Nächte“. Und das Buch ist auch reichlich klasse! Allerdings lassen die Berichte über die ethnologischen Feldmethoden von Buell Quain einen mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück wenn man „vom Fach“ ist. Heute geht man da schon ein wenig anders vor …

Aber auch ohne diesen Hintergrund ist das Buch ein kleines Schmuckstück. Bernardo Carvalho schafft es, daß man nach der Lektüre von „Neun Nächte“ noch lange über die Geschichte nachsinnt. Seine Vermischung aus Fakten und Fiktionen macht es nicht einfach zu verstehen, was tatsächlich der Realität entspricht. Er gibt ab und zu Hinweise, aber auch die helfen nicht immer weiter. Eines aber erscheint zumindest mir klar zu sein: Der Journalist und seine Geschichte sind nicht autobiographisch. Der Journalist ist nicht Carvalho.

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Der Alchimist

Der Alchimist von Paulo Coelho
Der Alchimist von Paulo Coelho

„Der Alchimist“ erzählt das gleichnishafte Abenteuer des Schäfers Santiago, der auf der Suche nach einem Schatz auch innere Reichtümer entdeckt: ein Buch voll orientalischer Weisheit, eine Geschichte von kristalliner Klarheit, ein warmes, lebensfrohes Buch, das Mut macht, den eigenen Lebenstraum Wirklichkeit werden zu lassen.

Paulo Coelho zu lesen ist immer wieder ein Vergnügen, so auch bei „Der Alchimist“. Und seine Geschichte um den Schäfer Santiago, der sich auf die Suche nach einem großen Schatz macht, ist fast schon zum Inbegriff seines Schreibens gewesen. Hier finden sich all seine Lebensweisheiten in gesammelter Form. Trotzdem liest sich der Roman nicht wie ein Lebenshilfebuch, sondern wie eine spannende und amüsante Erzählung.

Was für mich das Besondere an Coelho ist, liegt aber nicht so sehr in seinen Texten selbst begründet. Stattdessen ist es die Gewißheit, die durch all seine Zeilen hindurchschimmert, daß Coelho selbst verstanden und verinnerlicht hat, was er da schreibt. Ich halte Paolo Coelho für einen wahrhaft erleuchteten Menschen, und für mich ist er auf jeden Fall ein Vorbild.

Gabriela wie Zimt und Nelken

Gabriela wie Zimt und Nelken von Jorge Amado
Gabriela wie Zimt und Nelken von Jorge Amado

„Gabriela wie Zimt und Nelken“, Jorge Amados großer Roman über die Stadt Ilhéus, ist ein Meisterwerk, man kann es einfach nicht anders sagen. An diesem Buch stimmt einfach alles.

Das beginnt schon damit, wie Amado seine Geschichte erzählt. Geschickt verwebt er zwei Erzählstränge miteinander, die beide die Entwicklung Ilhéus hin zu einer modernen Stadt verdeutlichen. Zum einen (natürlich) die politischen Turbulenzen in dieser Umbruchzeit, zum anderen aber auch die Liebesgeschichte zwischen der Titelheldin Gabriela und dem Barbesitzer Nacib. Dieser syrischstämmige Brasilianer ist es auch, der wie ein Knotenpunkt alle Erzählebenen miteinander verknüpft. Denn in seiner Bar treffen sich alle: Frauenhelden und Kakaopflanzer, Politiker aller „Parteien“, Unternehmer, Matrosen, Artisten und Haderlumpen. Nacib, selbst politisch völlig neutral, ungeheuer sympathisch und menschlich geschildert, ist das eigentliche Herz, der eigentliche Held des Romans.

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Der Heilige, der nicht an Gott glaubte

Der Heilige, der nicht an Gott glaubte von João Ubaldo Ribeiro
Der Heilige, der nicht an Gott glaubte von João Ubaldo Ribeiro

Vierzehn Erzählungen des Autors von „Brasilien, Brasilien“: komische Geschichten, übermütig, skurril, hintersinnig, derb. Denn wenn der große brasilianische Autor Ribeiro Geschichten erzählt, dann scheint es, als stammten sie nicht aus der Werkstatt eines Schriftstellers, sondern aus dem Erzählen des brasilianischen Volkes selbst.

„Der Heilige, der nicht an Gott glaubte“ ist eine Sammlung von wunderbar charmanten, wunderbar amüsanten Geschichten. João Ubaldo Ribeiro schreibt wirklich großartig!

Seine Geschichten werden alle aus der Sicht von einfachen Brasilianern geschrieben, Männern, die aus einfachsten Verhältnissen stammen und soweit ich das sehen kann, alle von der Insel Itaparica. Sie sind ungebildet, nicht sonderlich intelligent aber bauernschlau und erzählen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie schweifen ab, kommen vom Hundertste ins Tausendste, fluchen und machen abfällige Bemerkungen über ihre Bekannten.

Ich habe mich selten so gut unterhalten wie mit diesen kurzen Geschichten, die sich zudem auch noch wirklich schnell lesen lassen. Mal sehen, ob ich Ribeiros „Brasilien, Brasilien“ irgendwo auftreiben kann …

Tigerin und Leopard

Tigerin und Leopard herausgegeben von Ray-Güde Mertin
Tigerin und Leopard herausgegeben von Ray-Güde Mertin

Von der unersättlichen Forderung an den jungen Saxophonspieler, vom geheimnisvollen Liebhaber „Hippolyt“, dem Leoparden, über die mystisch verklärte Liebe der Schwester Maria in „Heidekraut“, die verlogene Moral der wohlsituierten brasilianischen Großstädter, die die „Tigerin“ zur Provokation reizt, bis zum symbolisch verklärten Aprikosenbaum: Diese Geschichten handeln von lustvollen Begegnungen, erträumten und wahrhaftigen.

Bevor man sich „Tigerin und Leopard“ zu Gemüte führt, sollte man das Nachwort von Ray-Güde Martin lesen. Durch das was sie über die subtile Ausdrucksweise der Autorinnen schreibt, kann man vielleicht einige der Geschichten besser verstehen. Mich haben die meisten der Stories trotzdem nicht vom Hocker gerissen.

Das liegt nicht daran, daß sie vielleicht irgendwie zu subtil wären. Ich mag subtile Geschichten (und bin intelligent genug, um sie trotzdem verstehen zu können). Was mich bei den meisten Erzählungen stört, ist, daß sie zu intellektuell sind. Klar, Erotik passiert (anders als Sex) auch vor allem und am besten im Kopf. Aber nur wenn ich meinen Phantasien nachgehe und nicht, wenn ich mir über Schuld oder mein Rollenverständnis oder Freiheiten oder sonstwas Gedanken mache und alles nochmal und nochmal und nochmal von allen Seiten beleuchte. Das ist vielleicht richtig und wichtig für die brasilianischen Frauen, aber erotisch ist es nicht.

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