Schlagwort-Archive: Japan

Abendkranich

Abendkranich von Hisako Matsubara
Abendkranich von Hisako Matsubara

Fesselnd erzählt die Autorin, wie die zehnjährige Saya das Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan erlebt, die Stunde Null, den völligen Umsturz aller Werte. Der Vater, oberster Shintopriester, ein weiset und gütiger Mann, ist die tragende Figur der Handlung. Bei ihm findet Saya die Kraft, die schweren Belastungen ihres jungen Lebens zu meistern.

„Abendkranich“ beleuchtet eine Zeit in der japanischen Geschichte, die sonst fast ganz ausgespart wird. Die Erzählung setzt ein am Vorabend der historischen Radioansprache des Tennō. Und vielleicht das erste Mal ist mir hier als westlichem Leser bewußt geworden, was diese Ansprache für das japanische Volk bedeutet hat. Welche Tragweite es alleine hatte, die Stimme des Tennō direkt und mit eigenen Ohren zu hören.

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Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan

Erkundungen - 12 Erzähler aus Japan herausgegeben von Marianne Bretschneider und Heinz Haase
Erkundungen - 12 Erzähler aus Japan herausgegeben von Marianne Bretschneider und Heinz Haase

Diese Erzählungen von etablierten, zum Teil mit bedeutenden Literaturpreisen gewürdigten Schriftstellern lassen ein Profil der japanischen Kurzprosa der Gegenwart erkennen. Zwischen 1973 und 1990 entstanden, dringen sie in die Ministrukturen einer Gesellschaft ein, die als Prototyp einer standardisierten Konsumgesellschaft gilt. Wo das allseits angepaßte der Maßstab ist, gerät jegliche individuelle Eigenart in Gefahr. Und so wird die psychologische Befindlichkeit all jener, die trotz mancher Anzeichen äußeren Erfolgs innerlich zerrissen und einsam sind, zum literarischen Gegenstand. Die Identitätskrise des heutigen Japaners – gleichgültig, ob er der jungen, „verlorenen“ Generation angehört oder an der Schwelle des Todes steht – und die oft tragischen Konflikte im traditionellen Familienverband vermitteln ungewöhnliche, überraschende Eindrücke vom Land der aufgehenden Sonne.

Der Verlag Volk & Welt Berlin hat in seiner Erkundungen-Reihe einige interessante Anthologien von Autoren aus verschiedenen Ländern herausgegeben. Dabei habe ich natürlich als erstes „Erkundungen – 12 Erzähler aus Japan“ gelesen, denn japanische Literatur finde ich schon immer ungeheuer faszinierend.

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Federkleid

Federkleid von Banana Yoshimoto
Federkleid von Banana Yoshimoto

Wie verfallen sie ihrem Geliebten war, spürt Hotaru erst, als dieser nach acht Jahren die Beziehung plötzlich beendet. Hotaru steht vor dem Nichts. Erst in ihrer Heimatstadt, umgeben von Vertrauten und neuen Freunden, die alle einen besonderen Draht zur Welt des Übernatürlichen zu haben scheinen, werden ihre Lebensenergien wieder geweckt.

Jedesmal wenn ich ein Buch von Banana Yoshimoto gelesen habe, denke ich, das kann nicht mehr besser werden. Und dann lese ich das nächste und es ist besser! Vielleicht liegt das daran, daß ihre Bücher zwar alle im Grunde das Thema Verlust behandeln und ihre Charaktere allesamt jung und modern sind, sie es aber trotzdem schafft, alle ganz unterschiedlich zu gestalten.

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Ein Kirschbaum im Winter

Ein Kirschbaum im Winter von Yasunari Kawabata
Ein Kirschbaum im Winter von Yasunari Kawabata

Kawabatas Werk, für das er 1968 den Nobelpreis erhielt, zeigt die Spannungen der japanischen Industriegesellschaft ebenso wie die verschwiegene Welt der Geishas und Teezeremonien. Der vorliegende Roman spielt unmittelbar nach dem Krieg, zwischen Sommer 1947 und Herbst 1948. Ogata Shingo, Zentralfigur und Oberhaupt einer kleinen Familie, lebt in einer Traumwelt von Schönheit, Sehnsucht und Vergänglichkeit. Seine ganze Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit gilt der jungen Schwiegertochter Kikuko …

Kawabata ist ein so wunderbarer Autor! Er vermittelt für mich wie kaum ein anderer japanischer Schriftsteller die Andersartigkeit der Kultur seines Landes. So spielt auch „Ein Kirschbaum im Winter“ zwar im 20. Jahrhundert, das heißt nach dem zweiten Weltkrieg. Und trotzdem atmet das ganze Buch den Geist des alten Japan.

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Kitchen

Kitchen von Banana Yoshimoto
Kitchen von Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos Erfolg ist kein Geheimnis. Eine ganze Generation kann sich mit diesem Buch identifizieren. Es packt alle jungen Leute, die der Großstadt verfallen sind und zugleich mit ihrer Anonymität kämpfen. Es handelt von film- und fernsehbesessenen Jugendlichen, die sich im Slang der Comics ausdrücken. Von jungen Menschen, die lebenshungrig und zugleich voller unbestimmter Ängste sind.

Nachdem mir „Tsugumi“ schon so gut gefallen hat, mußte ich irgendwann natürlich auch Banana Yoshimotos Erstling „Kitchen“ lesen. Und ich muß sagen, wow, was für ein Debüt dieser Autorin!

Tatsächlich gefällt mir „Kitchen“ sogar noch besser als das später geschriebene „Tsugumi“. Vielleicht liegt das an dem Thema des Buches – Tod, der Verlust eines geliebten Menschen -, das mich gleich ergriffen hat. Vielleicht ist es auch das Episodenhafte („Kitchen“ enthält die drei Geschichten „Kitchen“, „Vollmond (Kitchen 2)“ und „Moonlight Shadow“), das die Poesie in Banana Yoshimotos Stil mehr betont. Insgesamt kam mir das Buch dadurch irgendwie … wie soll ich sagen … japanischer vor.

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Unter dem Regenmond

Unter dem Regenmond von Ueda Akinari
Unter dem Regenmond von Ueda Akinari

Ich habe ja vor kurzem schon einmal „Asiatische Sagen“ gelesen, worunter auch viele japanische Geschichten waren. „Unter dem Regenmond“ von Ueda Akinari verhält sich zu diesen Geschichten in etwa so, wie Volksmärchen sich zu den Kunstmärchen von Hans Christian Andersen verhalten. Ja, Andersen ist ein wirklich guter Vergleich zum Werk von Ueda, denn beider Geschichten sind gleichermaßen poetisch.

In „Unter dem Regenmond“ erzählt Ueda neun Geistergeschichten, die in Japan ausgesprochen beliebt sind. Dabei sollte man sich als westlicher Leser bewußt machen, daß japanische Geister sich deutlich von ihren westlichen Cousins unterscheiden. Vor allem aber sind die Unterschiede zwischen Geistern, Feen und Dämonen nicht so scharf gezogen wie bei uns.

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Schönheit und Trauer

Schönheit und Trauer von Kawabata Yasunari
Schönheit und Trauer von Kawabata Yasunari

Vor über zwanzig Jahren hat Toshio Oki seine damals 16jährige Geliebte verlassen. Jetzt erhofft er sich ein Wiedersehen. Otoko, inzwischen eine bekannte Malerin, lebt mit ihrer Freundin Keiko zusammen, die den lange zurückliegenden Verrat auf grausame Weise rächt …

Eine doppelte Liebesgeschichte, von dem japanischen Nobelpreisträger in Bildern von nuancierter Erotik und Leidenschaft erzählt.

„Schönheit und Trauer“ ist wieder einmal eine weitere Bestätigung für meine Vorliebe für japanische Autoren. Das Buch ist gut, und das gleich in vielfacher Hinsicht.

Was mir von Anfang an sehr gut gefallen hat beim Lesen ist die Ambivalenz der Charaktere. Ja, Toshio Oki hat die 16jährige verführt, geschwängert und später verlassen (nicht wegen der Schwangerschaft übrigens), aber er ist dadurch nicht der Bösewicht des Buches. Ja, Otoko hat durch Oki viel verloren, aber sie ist dadurch nicht das Opfer, noch ist sie ihm deshalb böse. Es ist eine sehr japanische, sehr kultivierte Sichtweise und Charakterisierung, die uns hier begegnet.

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