Schlagwort-Archive: Argentinien

Chamäleon Cacho

Chamäleon Cacho von Raúl Argemí
Chamäleon Cacho von Raúl Argemí

Alles ist wie ausgelöscht, als der Journalist Manuel Carraspique nach einem schweren Verkehrsunfall aus dem Koma erwacht. Man hat ihn ins Krankenhaus eines argentinischen Provinznestes gebracht, wo er, ans Krankenbett gefesselt, vor sich hin deliriert. Bis er begreift, wer im Bett neben ihm liegt: ein bis zur Unkenntlichkeit entstellter indianischer Exorzist, der im Wahn seine Familie niedergemetzelt haben soll.

Manuel wittert die Story seines Lebens und bringt seinen Bettnachbarn zum Reden. Haarsträubendes kommt ans Licht, und immer wieder fällt der Name „Cacho“ – ein Priester, ein Dealer, ein während der Diktatur gefürchteter General? Ein atemberaubendes Verwirrspiel nimmt seinen Lauf, bei dem die Grenzen zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu verwischen drohen.

Raúl Argemí hat mit „Chamäleon Cacho“ ein kleines Meisterwerk geschaffen. Auf gerade einmal 150 Seiten erzählt er eine Geschichte, wie sie jeder Independent-Filmer nicht besser machen könnte. Tatsächlich befindet er sich in guter Gesellschaft von Filmen wie „Identität“ oder „Memento“. Und ich würde dieses Buch gerne verfilmt sehen, ganz ehrlich.

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Der schönste Tango der Welt

Der schönste Tango der Welt von Manuel Puig
Der schönste Tango der Welt von Manuel Puig

Ein Musterbeispiel und zugleich eine großartige Parodie auf die in Lateinamerika so beliebten Fernseh- und Radiofortsetzungsromane, die „Telenovelas“.

Die Handlung ist eine in die dreißiger Jahre versetzte argentinische Variante des Schnitzlerschen Reigens: Man liebt, überschwenglich und doch halbherzig, eine unerreichbare Person, nimmt indessen unbedenklich, was sich anbietet; der oder die Unerreichbare treibt es nicht anders. Von den Frauen und Mädchen des Romans geliebt wird vor allem der schöne Juan Carlos, der mittellos und lungenkrank ist und darum nur unter Anstrengungen das Dasein eines zynischen, prahlerischen Kleinstadt-Don-Juans führt. Bereits mit der Jugend der Personen des Dramas endet der fragwürdige „schönste Tango der Welt“, die Männer sind tot, die Frauen haben sich beschieden.

„Der schönste Tango der Welt“ versammelt tatsächlich alles, was eine Telenovela auszeichnet: Frauenhelden, heimliche Liebschaften, unerwiderte Liebe, betrogene Frauen, versprochene Ehen die dann doch nicht geschlossen werden, eine uneheliche Schwangerschaft, sogar ein Mord. Auch die Charaktere sind direkt aus den Telenovelas entnommen und erfüllen jedes Klischee: das arme und geldgierige Mädchen, der verarmte und todkranke Frauenheld aus guter Familie, sein strebsamer Freund aus einfachsten Verhältnissen, die naive Hausangestellte, die intrigante Schwester. Und natürlich gibt es eine Art Happy End.

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Der Verfolger

Der Verfolger von Julio Cortázar
Der Verfolger von Julio Cortázar

Ich bin seit langem ein großer Fan von Charlie „Bird“ Parker. Deshalb habe ich mich auch auf „Der Verfolger“ von Julio Cortázar besonders gefreut, ist dieses Buch doch quasi eine Biographie von Parker:

Johnny Carter ist ein begnadeter Jazzmusiker, ein avantgardistischer Pionier neuer Stilrichtungen. Doch seine Genialität hat ihren Preis: So unnachgiebig er nach dem perfekten Jazz sucht und die reine, absolute Musik verfolgt, so rücksichtslos zerstört er sich selbst auf dieser Suche. Es scheint, als erkaufe sich der Saxophonist seine revolutionären Klänge durch einen teuflischen Pakt, der ihn in eine selbstzerstörerische Drogensucht führt. Der Erzähler in Cortázars Geschichte beobachtet den rasenden Untergang des Jazzmusikers mit einer Mischung aus Verzweiflung und Faszination. Zum einen ist er Carters Freund und will ihn retten, zum anderen ist er auch dessen Biograph und weiß, daß Carters geniale Musik erst durch dessen Selbstaufgabe möglich wird. Was wiegt schwerer: das Leben eines Einzelnen oder die absolute Kunst?

Julio Cortázars Erzählung „Der Verfolger“ (1958) ist die nur leicht verhüllte Biographie des Ausnahmemusikers Charlie Parker, der in den 40er und 50er Jahren die Jazzmusik revolutionierte. Sie bietet einen idealen Zugang zu Cortázars surrealen Welten und phantastischen Seelenlandschaften und fesselt den Leser bis zum Schluß mit immer neuen bizarren Einfällen.

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