Schlagwort-Archive: Juan Goytisolo

Landschaften nach der Schlacht

Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo
Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo

Eine verrückte, doch höchst reale Welt tut sich in diesem Buch auf, in dem der Protagonist durch das Sentier-Viertel von Paris streift – dort wohnt er in der Rue Poissonière und ebenso seine Frau, die aber in einem eigenen Appartement haust, er verkehrt mit ihr durch Zettel, die er unter der Tür durchschiebt. „Was ihn anzieht – und seinem beklagenswert gröblichen Geschmack entgegenkommt -, ist das aufgepfropfte, postkoloniale, barbarisierte Paris von Belleville oder Barbès, ein Paris, das nichts Kosmopolitisches oder Kultiviertes hat, das Paris der Analphabeten und Metöken.“ Doch er treibt sich auch in seinen Phantasien, Obsessionen und Gedankenspielen herum, in denen es nicht schön, sittsam, friedlich und freundlich zugeht, sondern häßlich, unsauber, aggressiv und obszön. „In die Realitäten einzutauchen ist ein ebenso riskantes Unterfangen wie das Betreten eines Minenfeldes.“ Der Protagonist ist griesgrämig, neigt zur Pädophilie, schwärmt für Lewis Carroll, den Erfinder von „Alice im Wunderland“, und stellt Collagen aus Zeitungsausschnitten und pornographischer Leserpost genauso zusammen, wie er sich Stalin zurechtträumt oder Albanien als surreales Paradies entwirft oder sich vorstellt, wie sich der Klimawandel konkret auswirkt auf die Küstenstreifen oder tiefliegende Länder. Und er liebt die Poesie der mystischen Sufi-Derwische …

„Landschaften nach der Schlacht“ ist eines dieser Bücher, von denen ich nicht so recht weiß, was ich von ihnen halten soll. Es hat Stellen, die einfach brillant sind. Gerade die surrealen Passagen, in denen z.B. ganz Paris auf einmal in arabischer Schrift ausgeschildert ist und keiner der „Ureinwohner“ sich mehr zurecht findet. Oder die Abschnitte über obskure Wiederstandsbewegungen obskurer Klein- und Kleinststaaten und -völker. Und vor allem meine Lieblingsepisode, in der zur Jubilarfeier der unbekannte Soldat aus seinem Grab in Paris exhumiert wird, um ihm endlich ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, und sich dann herausstellt, daß dort ein Schwarzer begraben liegt. Das ist witzig, spritzig, das ist köstlich, ironisch, komisch.

Landschaften nach der Schlacht weiterlesen