Schlagwort-Archive: Türkei

Die Ararat-Legende

Die Ararat-Legende von Yaşar Kemal
Die Ararat-Legende von Yaşar Kemal

Der Hirte Ahmet spielt auf der Flöte das uralte Lied vom Ararat, dem Retter in der Not und dem Strafenden bei Ungehorsam. Da sieht er im Morgengrauen vor seiner Hütte am Fuße des Felsens einen silber- und goldgeschmückten Schimmel stehen – ein Geschenk Allahs, so meinen der Weise Sofi und die kurdischen Bergbauern. Verheißt das prächtige Araberpferd Freude oder Leid? Ahmet weigert sich, dem osmanischen Pascha in Beyazit die vermeintliche Gabe Gottes zurückzuerstatten, das verbietet der islamische Brauch. Doch Mahmut Chan kennt keine Tradition und wirft ihn in den Kerker, wo Ahmet die Liebe von Gülbahar gewinnt, des Paschas Tochter. Das Mädchen mit den Gazellenaugen verhilft ihm zur Flucht, und eine schweigende Volksmenge zieht um des Glücks der Liebenden willen auf den Herrscherpalast zu. Dennoch können die beiden nicht zueinanderfinden: Der Schatten des Mißtrauens ist auf ihre Liebe gefallen. Der stolze, unversöhnliche Ararat hat im Zorn seinen Fluch gesprochen über menschliche Untugenden wie Argwohn und Eifersucht, Besitzgier und Machtrausch.

Eigentlich erzählt „Die Ararat-Legende“ aber nicht Ahmets Geschichte, sondern die von Gülbahar. Denn während der nur im Kerker sitzt, versucht das Mädchen, das sich unsterblich in ihn verliebt hat, alles, um ihn frei zu bekommen. Sie sucht Hilfe bei ihrem Bruder, schließlich bei einem Feueranbeter, einem Scheich und dem Gefängniswärter Memo. Aber es ist er die Macht und der Zorn des Volkes, die sie mit Ahmet zusammenbringt.

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Memed mein Falke

Memed mein Falke von Yaşar Kemal
Memed mein Falke von Yaşar Kemal

In den Dörfern am Rande des anatolischen Taurusgebirges herrscht der Grundbesitzer Abdi Aga. Der Boden ist so elend, daß fast nur Disteln auf ihm wachsen. Und von jeder Ernte fordert der Aga zwei Drittel. Memed, der Bauernsohn, hat seinen Haß auf sich gezogen. Aus dem schmächtigen, ängstlichen Knaben wird ein Räuber, Rebell und Rächer des Volkes.

Yaşar Kemals „Memed mein Falke“ ist Legende. Im Nachwort des Buches wird eine Begebenheit aus dem Jahr 1978 erzählt. Damals hatten Dorfbewohner die Ländereien eines Großgrundbesitzers besetzt und zwar unter anderem weil „Memed in dieser Gegend gelebt hat und in seiner Zeit das gleiche getan hat“. Ist das nicht der Wahnsinn?

Kemal stammt selbst aus einfachsten Verhältnissen und hat es nur mit großer Willensanstrengung geschafft, überhaupt Lesen und Schreiben zu lernen. Als er dann begonnen hat, Erzählungen und Romane zu schreiben, hat er (vielleicht unbewußt) eine Revolution in der türkischen Literatur ausgelöst. Denn Kemal schrieb als erster Autor nicht in der literarischen Hochsprache, sondern in der Sprache des Volkes. Fast so revolutionär wie das, was Luther damals mit der Bibel angestellt hat …

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Nacht und Nebel

Nacht und Nebel von Ahmet Ümit
Nacht und Nebel von Ahmet Ümit

Mine, die Geliebte des Geheimdienstmitarbeiters Sedat, ist verschwunden. Er selbst hat bei der Aushebung eines Terroristenunterschlupfs kaltblütig auf Fliehende geschossen. Gibt es zwischen diesen beiden Ereignissen einen Zusammenhang? Sedat macht sich auf die Suche. Je näher er der Lösung des Falls kommt, desto mehr zerfällt seine Selbstsicherheit. In einem furiosen Finale bricht seine Lebenslüge zusammen.

Bei diesem Cover und diesem Klappentext hatte ich schon so eine Art Bollywood-Buch erwartet bzw. befürchtet. „Nacht und Nebel“ ist aber in Wirklichkeit ein ziemlich harter Geheimdienst-Thriller. Und mit Geheimdienst ist hier der Inlandsgeheimdienst gemeint.

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Der Granatapfelbaum

Der Granatapfelbaum von Yaşar Kemal
Der Granatapfelbaum von Yaşar Kemal

Tausende von funkelnden, riesenhaften Traktoren haben dank dem Marshall-Plan die Türkei überschwemmt. Die Großgrundbesitzer in der fruchtbaren Ebene brauchen die Tagelöhner aus den Bergen nicht länger. So irrt ein Grüppchen Dörfler durch Staub, Hitze und höllische Moskitoschwärme und findet schließlich sein Glück ganz unerwartet.

„Der Granatapfelbaum“ ist eine sehr kurze Novelle, die aber trotzdem in Erinnerung bleibt. Yaşar Kemal schreibt über die Bewohner der anatolischen Berge, Tagelöhner, die Ärmsten der Armen. Diese Männer werden durch die Modernisierungen in der Ebene besonders hart getroffen. Und nicht nur das, einer von ihnen leidet auch noch an Malaria, oft müssen sie ihn deshalb mitschleppen (und das ist nicht metaphorisch gemeint sondern als tatsächliches Tragen auf dem Rücken).

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Der Weg nach Bagdad

Der Weg nach Bagdad von Güneli Gün
Der Weg nach Bagdad von Güneli Gün

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts reist ein junges Mädchen von Istanbul nach Bagdad, wo zur selben Zeit die Märchen aus „1001 Nacht“ erstmals schriftlich festgehalten werden. Die Heldin dieses Geschichtsepos heißt Hürü, am Anfang des Romans ein Teenager, am Ende eine sagenumwobene Minnesängerin, Erbin der Harfe des Orpheus.

„Der Weg nach Bagdad“ ist historischer Roman, mystische Selbstsuche und die Erzählung einer persönlichen Befreiung.

„Der Weg nach Bagdad“ ist eines der niedlichsten, witzigsten und unterhaltsamsten Bücher, das ich in der letzten Zeit gelesen habe. Und das liegt natürlich nicht nur an dem ungeheuer putzigen Namen der Autorin: Güneli Gün.

Dieser Roman macht eigentlich alles richtig, um mich gut zu unterhalten. Zum einen hat er eine äußerst sympathische Heldin. Hürü ist so gar nicht wie alle anderen Heldinnen, die man in Büchern trifft, vor allem in historischen Romanen. Sie ist zu groß, zu ungeschickt, entspricht überhaupt nicht den gängigen Schönheitsidealen. Dazu ist sie auch nicht sonderlich intelligent oder zumindest ist sie ein wenig schwer von Begriff was höfische Dinge angeht. Sie sagt zum falschen Zeitpunkt immer genau das, was sich alle gerade denken, was aber absolut unpassend ist. Herrlich!

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Rot ist mein Name

Rot ist mein Name von Orhan Pamuk
Rot ist mein Name von Orhan Pamuk

Neun Tage in Istanbul 1591, die große Stadt ist eingeschneit. Ein Ermordeter erzählt, wie er in einen Brunnen gestürzt wurde: „… niemand weiß, was mir geschah, nur mein ruchloser Mörder. Der aber, widerlicher Schuft, hat auf meinen Atem gehorcht und mir den Puls gefühlt, um sicherzugehen, daß ich wirklich tot war, dann hat er mir einen Tritt in die Weiche versetzt, mich zum Brunnen geschleppt, hochgezerrt und hineinfallen lassen.“ Der Tote aus dem Brunnen kennt nicht nur den Mörder, sondern, so glaubt er, auch dessen Motiv. Es gebe eine Verschwörung gegen das ganze Osmanische Reich, seine Religion, seine Kultur. Mitten in diesen politischen Verwicklungen stecken die Maler der Buchminiaturen, zu denen auch der Tote gehört. Im Auftrag des Sultans sollen sie zehn Buchblätter bemalen, die für den Dogen in Venedig gedacht sind und ihm die Macht und Pracht der osmanischen Herrschaft zeigen sollen. Doch im Islam sind Bilder nicht erlaubt, und die Einführung der Zentralperspektive gilt gar als Gotteslästerung. Andere Geschichten mischen sich in den Verschwörungskrimi ein: Ein Liebender schildert sein zwölf Jahre dauerndes Warten auf die schöne Seküre; deren Vater berichtet von einer gefährlichen und geheimen Mission ins Abendland; und die Maler sprechen – einer heißt Olive, einer Storch, einer Schmetterling. Sogar Tiere und Farben auf den zehn Bildern fangen an zu reden, der Hund, das Pferd, das Rot. Und natürlich auch jener, der von sich sagt: „Sie werden mich Mörder nennen“. Die vielen verschiedenen Stimmen vernetzen und verweben sich gleichermaßen zum orientalischen Märchen, zur Detektiv- und Liebesgeschichte und als Ganzes zum modernen Roman.

Es ist interessant, daß sowohl Umberto Eco mit „Der Name der Rose“ als auch Orhan Pamuk mit „Rot ist mein Name“ historische Romane geschrieben haben, in denen ein Kriminalfall eine große Rolle spielt, die gleichzeitig sehr sehr modern und alles andere als Krimis sind. Und die beiden Bücher haben noch mehr gemeinsam: Sie haben mit Büchern zu tun und sie sind beide extrem gut!

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