Schlagwort-Archive: Polen

Feinde, die Geschichte einer Liebe

Feinde, die Geschichte einer Liebe von Isaac Bashevis Singer
Feinde, die Geschichte einer Liebe von Isaac Bashevis Singer

Herman Broder, der als Jude in Polen nur knapp den Nazis entging, lebt zurückgezogen, doch noch immer von Ängsten erfüllt in Coney Island bei New York. Seine Frau Yadwiga, ein polnisches Bauernmädchen, hatte ihn versteckt und damit sein Leben gerettet; aus Dankbarkeit für diese Tat hat Broder sie geheiratet. Doch er liebt auch die schöne, eigenwillig-exaltierte Mascha, hält diese Verbindung aber vor Yadwiga zunächst geheim. Eines Tages taucht Tamara auf, seine erste Frau, von der Zeugen berichtet hatten, sie sei im KZ umgekommen. Die Situation spitzt sich für den unentschlossenen und von einer Frau zur anderen taumelnden Herman zu; seine Lügengebäude brechen zusammen. Während Tamara nie mehr mit einem Mann zusammen sein will, wird Yadwiga schwanger, und auch bei Mascha bleibt die Periode aus. Außerdem komplizieren sich die sonstigen Lebensumstände. Tamara aber will dem ohnmächtigen Herman helfen: „Herman, Menschen wie du sind unfähig, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Ich bin darin zwar auch nicht besonders gut, aber manchmal ist es leichter, die Probleme von andern zu bewältigen als seine eigenen. Ich kann sehen, daß alles zu viel geworden ist für dich, daß du dabei bist, unter der Last zusammenzubrechen.“ Als sich das tragikomisch vertrackte Beziehungsknäuel doch noch einigermaßen aufzulösen scheint, hat sich Herman auf geheimnisvolle Weise den drei Frauen entzogen, er ist verschwunden …

Ich habe wirklich keine Ahnung, woher der Klappentextschreiber das „komisch“ in seinem „tragikomisch“ nimmt. „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ ist vieles, aber komisch ist es ganz sicher nicht. Stattdessen ist es ein eindringliches Zeugnis vom Überleben nach dem Holocaust. Isaac Bashevis Singer, selbst Jude, wenn auch den Lagern durch seine frühe Emigration 1935 entronnen, schafft es, seine Charaktere ungeheuer glaubwürdig zu gestalten. Tief in die jüdische Gemeinde eingebettet und einer der wenigen Schriftsteller von Weltrang, die auf Jiddisch schrieben, kann man davon ausgehen, daß Singers Erzählung von großer Authentizität ist.

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Tango für drei

Tango für drei von Maria Nurowska
Tango für drei von Maria Nurowska

Zwischen den beiden Schauspielerinnen Alexandra und Elzbieta entwickelt sich ein Drama eigener Art: Was als Spiel beginnt, wird zum Spiel auf Leben und Tod …

Mit großer psychologischer Raffinesse erzählt die bekannte polnische Schriftstellerin Maria Nurowska die Geschichte zweier Frauen, die mehr verbindet als die Liebe zu demselben Mann.

Ich bin noch nicht ganz sicher, ob „Tango für drei“ ein gutes Buch ist, aber es hat ganz sicher eine gewisse Faszination. Die ganze Geschichte wird aus Alexandras Sicht geschildert, die im Koma liegt nach einem von ihr selbst herbeigeführten Autounfall. Sie reflektiert ihr Leben, ihr Verhältnis zu ihrem Mann Zygmunt und dessen Ex-Frau Elzbieta.

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Die Welt hinter Dukla

Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk
Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk

„Ich komme immer wieder in dieses Dukla zurück, um es bei unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen“, schreibt Andrzej Stasiuk, der keine Handlung erzählen will, nur Ereignisse. So kehrt er stets wieder in dieses Dorf am Rande der Karpaten zurück, in dem sommers wie winters „immer etwas los ist“. Schon der Knabe folgt den Spuren von Licht und Nacht, läßt sich treiben durch das Dickicht der Nachmittage, an denen eigentlich nichts passiert, die aber gleichwohl dicht angefüllt sind mit Gerüchen und Geräuschen, mit Lichteindrücken und kleinen Abenteuern der Entdeckung. Eines Tages taucht ein braunes Mädchen in weißem Kleid beim Tanzen auf. Der dreizehnjährige Junge verfällt ihrem Bann, er versucht, gleichsam in sie hineinzuschlüpfen, sie sozusagen von innen zu berühren. Doch aller Beobachtungsanstrengungen zum Trotz kommt es nur zu flüchtigen, plötzlichen Begegnungen. Stasiuks Streifzüge durch Dukla folgen unsichtbaren Wegen und Pfaden durch Atmosphären und Stimmungen, er sammelt Erlebnissplitter, in denen er zugleich sich selbst auf die Spur kommt. Es entsteht das vielfarbig schillernde Kaleidoskop eines so flüchtigen wie einprägsamen poetischen Bilderreigens: „Das Bild, der Zwillingsbruder unseres Verstandes, wird uns überleben.“

Der Klappentext zu „Die Welt hinter Dukla“ klingt nicht sonderlich spannend. Und nachdem ich „Berittener Bogenschütze“ gelesen hatte, das so ähnlich klang und ganz schrecklich war, habe ich mich ein wenig vor diesem Buch hier gedrückt. Als ich es dann aber angefangen habe, war ich sofort begeistert.

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Die schöne Frau Seidenman

Die schöne Frau Seidenmann von Andrzej Szczypiorski
Die schöne Frau Seidenman von Andrzej Szczypiorski

Warschau während der deutschen Okkupation. Die schöne Irma Seidenman, Witwe eines kurz vor Kriegsausbruch verstorbenen Röntgenologen, fühlt sich ganz als Polin. Erst die deutsche Besatzung läßt sie des eigenen Judentums bewußt werden, sie wird an die Gestapo verraten. Doch die Nachricht ihrer Verhaftung läßt ganz verschiedene Personen eine Kette des guten Willens bilden. Vor allem der heimlich in sie verliebte Kunsthändler Pawil Krynski und der Deutsche Johannes Müller, der sich bei seinen SS-Parteigenossen für die unbekannte Frau verbürgt, setzen sich beherzt für sie ein. Aber nicht nur die Tugendhaften haben in diesem in Episodenform erzählten Roman ihre Auftritte. Feige, Egoisten und Denunzianten sind hier genauso zu finden wie Gutmütige und Hilfsbereite. Aus ihren Schicksalen fügt Szczypiorski ein Gesellschaftspanorama zusammen, ein komplexes Beziehungsgeflecht, in dem fast alle in irgendeiner Weise der weiblichen Hauptfigur verbunden sind. Doch endet der Roman nicht in den Vierzigern: Jahre später begegnen sich Frau Seidenman und Pawil Krynski in Paris erneut.

Manchmal frage ich mich, wer diese Klappentexte schreibt. Zumindest die Namen der Protagonisten sollte man doch richtig hinbekommen können, oder? Pawel und Johann, nicht Pawil und Johannes, mein Gott nochmal!

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Die Reiherkönigin

Die Reiherkönigin von Dorota Masłowska
Die Reiherkönigin von Dorota Masłowska

Stans Karriere als Popstar ist am Ende. Die Plattenverkäufe sind im Keller, die Presse setzt ihm mit Gerüchten über sein Sexualleben zu und sein Manager läßt sich am Telefon verleugnen. Von seinem Publikum vergessen und seiner Freundin verlassen, irrt Stan Silvester durch Warschau und sinnt auf Rache.

MC Dorata spürt den falschen Versprechen unserer Konsum- und Medienkultur nach und mixt daraus einen Rap, der mit unzähmbarer Sprachlust das überdrehte Bild einer beschleunigten Gesellschaft zeichnet.

Um „Die Reiherkönigin“ lesen zu können, sollte man ein gutes Rhythmusgefühl haben. Warum? Ganz einfach: wenn hier von einem Rap die Rede ist, dann ist das nicht metaphorisch gemeint. Dorota Masłowska hat dieses Buch tatsächlich in Rap-Form geschrieben und zwar von der ersten bis zur 188 Seite. Der absolute Hammer! Und wirklich genial übersetzt von Olaf Kühl, das kann man nicht anders sagen. Da merkt man die Erfahrung, die Souveränität und das ausgezeichnete Sprachgefühl, daß dieser Mann hat.

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Quo vadis

Quo vadis von Henryk Sienkiewicz
Quo vadis von Henryk Sienkiewicz

Ich war völlig erstaunt, als ich gelesen habe, daß „Quo vadis“ von 1895 ist. 1895!!! Das hätte ich niemals gedacht! Klar, die Sprache ist ein wenig altmodisch, manchmal ziemlich pathetisch und Henryk Sienkiewicz deutlich pro-christlich (was sich moderne Autoren nur noch selten trauen). Trotzdem ist das Buch keinesfalls verstaubt.

Auch wenn jeder bestimmt schon einmal die berühmteste Verfilmung des Buches mit Peter Ustinov gesehen hat, hier eine kurze Zusammenfassung der Geschichte:

Der Patrizier Vinicius verliebt sich in die schöne Lygia und versucht durch Intrigen ihrer habhaft zu werden. Sie flieht vor ihm und taucht in den Untergrund ab, denn sie ist Christin und die lasterhafte römische Gesellschaft stößt sie ab. Vinicius sucht verzweifelt nach ihr und kommt durch sie mit dem christlichen Glauben in Berührung. Währenddessen langweilt sich Nero immer mehr, obwohl ihn sein Hofstaat aufs eifrigste umschwänzelt. Von seiner Verehrung für Homers Illias angestachelt klagt er immer lauter, weil er noch nie eine Stadt hat brennen sehen. Schließlich läßt er Rom anzünden. Weil er aber den Volkszorn fürchtet, redet man ihm ein, die Schuld auf die Christen zu schieben. Eine ungeheuer grausames Pogrom an der christlichen Gemeinde beginnt …

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Herz der Finsternis

Herz der Finsternis von Joseph Conrad
Herz der Finsternis von Joseph Conrad

Zentralafrika gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Leise und unaufhaltsam bahnt sich ein schmales Boot den Weg durch den dunklen Urwald. Immer weiter stößt es vor auf dem Flußlauf des Kongo, immer tiefer dringt es ein in den unheimlichen Dschungel. Auf dem Boot sieht der junge Kapitän Marlow mit Ungeduld dem Ziel seiner Mission entgegen: der Begegnung mit dem mysteriösen Elfenbeinhändler Kurtz. Dieser hat sich ganz der Kontrolle der Handelsgesellschaften entzogen und inmitten der Wildnis sein eigenes Schreckensreich errichtet. Marlow soll ihn zurückholen. Doch schon bald stellt sich die Frage: Wird er selbst überhaupt zurückkehren?

Conrads suggestive Novelle erzählt von einer Expedition, die weiter führt als nur in das Zentrum des afrikanischen Kontinents. Sie führt ins Herz des britischen Kolonialreichs, das sich die Welt mit kalter Effizienz untertan machen will, dabei jedoch immer wieder irrationale Brutalität gebiert. Zugleich ist Marlows Reise auch eine ins Verdrängte, Halbbewußte. Undurchdringlich ist nicht nur der Urwald, der sich wie eine schwarze Wand zu beiden Seiten des Flusses auftürmt, sondern auch der Dschungel der Gefühle und Ängste, der sich vor dem jungen Kapitän auftut. Er ist auf einer Reise, nach der er nicht mehr derselbe sein wird.

Getragen wird diese Reise ins „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrads fulminanter Sprache. Die Novelle wäre nur halb so gut, ja teilweise sogar banal oder belehrend (was noch schlimmer ist), wenn Conrads nicht so ein ausgezeichneter Sprachkünstler wäre. Seine Schilderungen sind unverblümt, treffend und poetisch, manchmal etwas pompös aber nie pathetisch. Er fesselt durch seine Worte, selbst wenn der Leser das Thema selbst nicht sonderlich spannend findet.

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