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Hollywood im Winter

Hollywood im Winter von Lydia Mischkulnig
Hollywood im Winter von Lydia Mischkulnig

Für Kunst muß man Gesetze übertreten. So zumindest lautet die Maxime des Industriellen und Kunstmäzens Tauschitz. Er serviert seinen Gästen ein stilvolles Abendessen auf einem gestohlenen samtroten Kirchenvorhang, sammelt in kleinen Urnen die Zigarettenasche bedeutender Schauspieler, legt seine Terrasse mit Grabsteinen berühmter Menschen aus und schreckt auch nicht davor zurück, seinen Sohn Caesar mit wahren Künstlergenen auszustatten

Im Rahmen der alljährlichen Festspiele wählt Tauschitz für die Inszenierung des Ödipus Rex (sehr frei nach Sophokles) den bekannten Regisseur Berg aus und überläßt ihm – traditionsgemäß – für diese Zeit das karge, aber inspirative Turmzimmer seiner Festung. Eifrig wirkt auch Tauschitz‘ Familie bei den Vorbereitungen der Veranstaltungen mit: Ehefrau Edith hat einen Preis für Nachwuchsdramatiker gestiftet, Tochter Antonia geht mit Berg ein Verhältnis ein, Caesar gelangt zu ungeahnten schauspielerischen Ehren. Die Grenzen zwischen Theater und Realität beginnen zu verschwimmen.

„Hollywood im Winter“ ist ein wirklich bösartiges Buch über den Kunstbetrieb rund um die Salzburger Festspiele. Die Künstler sind durch die Bank extrem selbstbezogen, dämlich, völlig planlos, arrogant und unfähig. Die Kunst, die sie machen ist … schlicht bescheuert (aber nicht ganz unrealistisch, wenn man sich ansieht, was teilweise auf den Bühnen der Welt so inszeniert wird).

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Wiedersehen mit Tibet

Wiedersehen mit Tibet von Heinrich Harrer
Wiedersehen mit Tibet von Heinrich Harrer

Der legendäre Forschungsreisende und Tibetkenner Heinrich Harrer schildert sein Wiedersehen mit Tibet, in das er dreißig Jahre nach seinen berühmten „Sieben Jahre in Tibet“ zurückkehrt.

„Wiedersehen mit Tibet“ ist nicht ganz so interessant wie „Sieben Jahre in Tibet“, was vor allem daran liegen mag, daß es nicht ganz so geradlinig erzählt ist. Auch schon in seinem berühmtesten Buch schweift Heinrich Harrer immer wieder ab, erklärt verschiedene Einzelaspekte des tibetischen Lebens in jeweils einzelnen Kapiteln, die nicht unbedingt mit der Zeitabfolge der Geschichte etwas zu tun haben. Vielmehr schiebt er sie eben immer wieder da ein wo es gerade passend ist, was aber bei einem so dicken Buch nicht so schlimm ist.

„Wiedersehen mit Tibet“ ist gerade einmal halb so dick, weshalb hier mehr auffällt, daß er von einem Thema zum anderen springt. Trotzdem ist das Buch sehr interessant. Man erfährt sehr viel über die Entwicklung in Tibet und der Exil-Tibeter, über Harrers Gefühle und Einstellungen (und ganz nebenbei, daß er daran beteiligt war den Autoren von „Das dritte Auge“ als Trickbetrüger zu entlarven), seinen Einsatz für Tibet. An vielen Stellen macht sich dabei Melancholie breit und immer wieder stellt sich der Autor die Frage, warum er überhaupt zurück gekommen ist.

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Sieben Jahre in Tibet

Sieben Jahre in Tibet von Heinrich Harrer
Sieben Jahre in Tibet von Heinrich Harrer

Sieben Jahre in Tibet – der einzigartige Bericht eines Lebens, wie es kein anderer Europäer je erfahren hat.

Im Frühjahr 1940 will der Forschungsreisende Heinrich Harrer nach einer Nanga-Parbat-Expedition die Heimreise antreten. Er wird vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht, von den Alliierten aufgegriffen und in einem indischen Internierungslager festgehalten. 1944 glückt die Flucht. Harrer gelangt nach Tibet, dem geheimnisumwitterten Dach der Welt. Fremde sind dort unerwünscht. Es kostet ihn einige Mühen bevor er Einlaß in die „verbotene Stadt“ Lhasa erlangt. Als einziger Europäer lebt Harrer am tibetanischen Hof und wird bald zum Vertrauten des Dalai Lama, dem er bis heute eng verbunden ist.

Auch wenn Heinrich Harrer wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP (und vor allem weil er sie verheimlicht hat) nicht ganz unumstritten ist, sein bekanntestes Werk „Sieben Jahre in Tibet“ ist zu recht so berühmt. Und zu meiner großen Überraschung ist es auch noch gut und spannend geschrieben.

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Der schwedische Reiter

Der schwedische Reiter von Leo Perutz
Der schwedische Reiter von Leo Perutz

Krieg und Barbarei beherrschen die Szenerie um 1700, in der ein namenloser Dieb und der desertierte schwedische Edelmann Christian von Tornefeld aufeinander treffen und der erste mit List und Tücke, aber auch aus Liebe zu einer jungen Frau die Identität des anderen annimmt. „Das Schicksal hatte ihn oft genug vor die Wahl gestellt, ob er lieber Hungers sterben oder gehenkt werden wollte. Und jetzt, da er seinem Landstreicherleben ein Ende machen und seine Freiheit hingeben wollte für ein Stück Brot alle Tage und ein Dach über dem Kopf, jetzt überkam ihn eine trotzige Begierde, hinauszugehen dorthin, wo der scharfe Wind pfiff, und noch einmal, ein letztes Mal, mit dem Tod eine Courante zu tanzen.“ Der Dieb begegnet einem phantastischen Panoptikum von Figuren wie dem Malefizbaron, der roten Lies und dem schwarzen Ibitz. Er wird Hauptmann einer Kirchenräuberbande und heiratet nach Auflösung der Bande unter dem Namen Christian von Tornefeld jene junge Frau Maria Agneta. Die Tochter Maria Christine wird geboren und das Glück ist groß …

Wie schon öfter erwähnt, bin ich kein Fan von historischen Romanen. Leo Perutz‘ „Der schwedische Reiter“ hat mich trotzdem begeistert. Das mag daran liegen, daß das Buch mich über weite Strecken an eines meiner Lieblingsbücher, „Krabat“, erinnert. Nicht unbedingt wegen des Themas sondern wegen der Stimmung. Obwohl auch hier eine verwunschene Mühle und ein unheimlicher Müller vorkommen. Zurecht nennt Daniel Kehlmann Perutz „den größten magischen Realisten unserer Sprache“.

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Malina

Malina von Ingeborg Bachmann
Malina von Ingeborg Bachmann

Die Ich-Erzählerin aus der Ungargasse im dritten Wiener Bezirk lebt mit dem vierzigjährigen Malina zusammen, einem „Staatsbeamten der Klasse A“. Ihre brennende Liebe gehört aber dem wenige Jahre jüngeren Ivan, der mit zwei kleinen Kindern in der Nachbarschaft lebt. Die Beziehung zu Ivan überdeckt alles, auch die reale gesellschaftliche, politische und private Umwelt: „Meine Phantasie, reicher als die Yagephantasie, wird endlich durch Ivan in Bewegung gesetzt, etwas Immenses ist durch ihn in mich gekommen und strahlt nun aus mir, immerzu bestrahle ich die Welt, die es nötig hat, von diesem einen Punkt aus, an dem nicht nur mein Leben sich zentriert, sondern mein Wille, ‚gut zu leben‘, um wieder brauchbar zu sein, denn ich möchte, daß Ivan mich braucht, wie ich ihn brauche, und für das ganze Leben.“ Die Erzählerin gerät in eine Trance des bedrohlichen Glücklichseins, es ist wie ein Virus: Die Liebe ist eine Art von Krankheit …

„Malina“ ist ein ungeheuer interessant geschriebener Roman. Ingeborg Bachmann läßt ihre Ich-Erzählerin sich in allen möglichen Stilformen ausdrücken, und in jeder einzelnen Form ist sie brillant.

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Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Die Schrecken des Eises und der Finsternis von Christoph Ransmayr
Die Schrecken des Eises und der Finsternis von Christoph Ransmayr

Dies ist die Geschichte der k.u.k. österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition 1872 bis 1874 unter der Führung von Carl Weyprecht, dem Kommandanten zu Wasser, und Julius Payer, dem Kommandanten zu Lande. Da gibt es einige Männer aus dem Süden, die von Triest nach Bremerhaven fahren und von dort über Spitzbergen in die Arktis. Sie bereiten sich vor, angefüllt mit ihren Vorstellungen vom Eismeer und seinen Schrecken. Erzählt wird auch, wie Carl Weyprecht allen Ungeheuerlichkeiten zum Trotz, als das Schiff zwei furchtbare Polarwinter lang im Packeis festsitzt, Fassung, Mut und Forschergeist in sich vereint und behält. Julius Payer verfällt dagegen seinen Obsessionen vom noch nie gesehenen paradiesischen Land und gibt auch den unwirtlichsten Stätten dieser Erde Namen, als sei er der Herr der Welt, weil er als erster jenes sturmumtoste, von Gletschern bedeckte Land aus schwarzen Steinen betreten hat, das nun dank ihm Franz-Joseph-Land heißen wird. Als ihr Schiff, die „Admiral Tegetthoff“ vom Eis nicht mehr freigegeben wird, bricht die Mannschaft zu Fuß auf in der verzweifelten Hoffnung, die Zivilisation doch noch erreichen zu können …

Es ist aber auch die Geschichte des Joseph Mazzini, der sich als Konstrukteur der Vergangenheit versteht: „Er denke sich Geschichten aus, erfinde Handlungsabläufe und Ereignisse, zeichne sie auf und prüfe am Ende, ob es in der fernen oder jüngsten Vergangenheit jemals wirkliche Vorläufer oder Entsprechungen für die Gestalten seiner Phantasie gegeben habe.“ Mazzini stößt auf die Dokumente der Nordpolexpedition, meint, daß er deren Wirklichkeit erfunden habe, und begibt sich als echter Nachfahre auf die Spuren der Eismeerfahrer …

„Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ ist genau mein Buch! Ich liebe diese Art von Abenteuerbüchern. Dazu kommt noch, daß es nicht 100%ig fiktiv ist. Die Payer-Weyprecht-Expedition gab es wirklich. Christoph Ransmayr, ursprünglich Journalist, hat den Weg der Expedition minutiös recherchiert. Sein Text ist auch halbdokumentarisch, denn an vielen Stellen zitiert er aus den (hochpoetischen) Aufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer. Man kann hier also im Prinzip beobachten, wie sich ein Journalist zu einem Romanautoren entwickelt. Denn „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ ist Ransmayrs erster Roman.

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Verführungen

Verführungen von Marlene Streeruwitz
Verführungen von Marlene Streeruwitz

Helene Gebhardt, 30 Jahre alt, lebt in Wien, hat zwei Kinder, ist aber seit zwei Jahren von ihrem Mann Gregor getrennt, der sie wegen seiner Sekretärin sitzen ließ. Aufgrund der Kinder hat sie ihr Kunstgeschichtsstudium abgebrochen und hält sich mit einem Job in einer PR-Agentur über Wasser. Ihre Freundin Püppi vermag es kaum, sie aufzumuntern. Trotz aller Erschöpfung und Frustration durch den alltäglichen Überlebenskampf möchte Helen perfekt sein als Mutter, Tochter und Geliebte. Ihre Einsamkeit zwischen Haushalt, Büro und Kindern versucht sie mit erotischen Affären zu überbrücken. Während die Beziehung zu Alex eher nebenbei und wenig erfüllend abläuft, scheint die Liebesgeschichte mit dem Musiker Henryk Erikson aus Schweden ihr Selbstbewußtsein richtig zu heben, so daß sie ihrem Traum vom richtigen Leben für Momente, allerdings trügerische Momente, näher zu kommen scheint. Dann taucht Gregor gerade auf, als auch Henryk in der Wohnung ist: „Helene lachte. Gregor ging und schlug die Tür zu. Henryk kam aus der Küche und setzte sich zu Helene. Helene lachte noch lange …“

Wäre „Verführungen“ nicht so interessant geschrieben, hätte ich es wohl nicht zu Ende gelesen. Diese Geschichte ist nämlich ordentlich blöd.

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