Schlagwort-Archive: Schweiz

Am Hang

Am Hang von Markus Werner
Am Hang von Markus Werner

Aus einer vielleicht nicht zufälligen Begegnung zweier Fremder entwickelt sich eine Parabel über das Leben, die Liebe, die Treue – und ein kriminalistisches Abenteuer, das am Pfingstsonntag ein ungeahntes Ende nimmt.

„Am Hang“ ist ein Buch, das mich fasziniert hat wie schon lange keines mehr. Zunächst kommt es harmlos daher, fast wie ein Kammerspiel: Zwei Männer treffen sich zufällig in einem Lokal und kommen nur deshalb ins Gespräch, weil sie am selben Tisch sitzen. Wie das oft so ist, wenn man mit einem völlig Fremden spricht, erzählen sie sich nach relativ kurzer Zeit sehr intime Dinge.

Man kann nicht umhin, dem Dialog mindestens genauso fasziniert zu folgen, wie der junge Scheidungsanwalt Clarin. Immer mehr nimmt den sein Gesprächspartner, der wesentlich ältere und schwermütige Herr Loos gefangen. So sehr, daß er schließlich darüber seine Arbeit ganz vergißt.

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Fast ein bißchen Frühling

Fast ein bißchen Frühling von Alex Capus
Fast ein bißchen Frühling von Alex Capus

Fernweh und Heimweh zugleich – die Geschichte zweier Bankräuber, die 1933 aus Wuppertal nach Indien fliehen wollten, der Liebe wegen aber nur bis Basel kamen.

„Fast ein bißchen Frühling“ ist ein sehr süßes kleines Buch, und das nicht nur weil darin ein Appenzeller Sennenhund vorkommt (die einzige Hunderasse, die ich ertragen kann). Alex Capus erzählt mit großer Sympathie die Geschichte der beiden Bankräuber, ohne ihnen dabei zu nahe zu kommen. Und trotzdem wachsen sie einem ans Herz.

Der Autor schafft es dabei sehr gut, die Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen, indem er Augenzeugenberichte, Interviews, Lied- und Werbetexte zitiert. Genau wie Bernardo Carvalho in „Neun Nächte“ vermischt auch Capus die Fakten des Kriminalfalls mit dem persönlichen Schicksal der fiktiven Großeltern des Erzählers. Nur daß in diesem Fall die Trennung von Fiktion und Fakten schärfer ist.

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Jakob von Gunten

Jakob von Gunten von Robert Walser
Jakob von Gunten von Robert Walser

Jakob von Gunten stammt aus gutem Haus. Er verläßt es aber aus Angst, von der Vortrefflichkeit des Vaters erstickt zu werden. Er meldet sich in einer Knabenschule, und Herr Benjamenta, der Institutsvorsteher, nimmt ihn auf. Fräulein Lisa, die Schwester des Vorstehers, unterrichtet Gehorsam und Benehmen. Ein Grundsatz lautet: „Wenig, aber gründlich.“ Jakob versucht einmal gegen die Demütigungen zu rebellieren, aber als er sich beschweren will, läßt ihn Herr Benjamenta fünfmal anklopfen, sich verbeugen und laut und deutlich grüßen: „Guten Tag, Herr Vorsteher.“ Dann darf er sich endlich beklagen, doch Herr Benjamenta läßt ihn stehen und liest Zeitung. Über den Musterschüler Kraus schreibt Jakob in sein Tagebuch, er reite auf der Zufriedenheit, aber das sei „ein Gaul, den Personen, die galoppieren wollen, nicht besteigen mögen“. Eines Tages gesteht ihm der Institutsvorsteher, er liebe erstmals einen Menschen, nämlich ihn, ob Jakob nicht sein Freund und Vertrauter werden wolle. Lisa Benjamenta sieht derweil immer kränker aus und gesteht Jakob, daß sie bald sterben werde. Kurz darauf ist sie tot. Die anderen Zöglinge verlassen die Schule. Jakob bleibt allein mit Herrn Benjamenta zurück. Der erklärt, daß er keine Schüler mehr aufgenommen habe, weil er das Institut schließen werde. Und er lädt Jakob ein, ihn zu begleiten: „Wir werden reisen“ …

Robert Walser kannte ich vor der SZ-Bibliothek noch nicht einmal dem Namen nach. Dabei ist er ein wirklich genialer Autor. Sein „Jakob von Gunten“ ist ein äußerst vergnügliches Buch. Es ist wirklich gut geschrieben, das ist das eine. In einem absolut brillanten Deutsch, mit sehr spitzem und subtilem Humor, einfach ein Vergnügen.

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Der Geliebte der Mutter

Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer
Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer

Dies ist eine Liebes- und eine Lebensgeschichte zugleich. Clara, die Mutter des Erzählers, verliebt sich in der Stadt am See unsterblich in den armen Dirigenten Edwin. Da war sie jung und wohlhabend: „Die junge Mutter, eine leuchtende Schönheit, war wie im Traum dahergeweht gekommen. Lange Beine mit Stöckelschuhen, ernst, mit schwarzen Augen, vollen Lippen, einem Pelz um die Schultern, einem Hut, der so groß wie ein Wagenrad war und unter dem eine gekrauste Mähne hervorquoll.“ Sie erlebt das erste, heftig umstrittene Konzert des von Edwin gegründeten Jungen Orchesters mit. Voller Begeisterung wird sie, auf seine Einladung hin, Mädchen für alles beim Jungen Orchester. Sie verwaltet die Finanzen, notiert sich jede Störung während der Proben, sorgt für Notenmaterial und genügend Stühle, organisiert Gastspiele; sie ist die Erste im Saal und verläßt als Letzte das Konzerthaus. Dann verliert ihr Vater am schwarzen Freitag 1929 sein Vermögen und stirbt. Ihr wird klar, daß sie jetzt arm ist. Doch der Dirigent macht Karriere und heiratet nicht sie, sondern eine Millionenerbin. Die Mutter aber behält jene eine Nacht nach dem ersten Konzert in Paris und die paar anderen in ihrem kleinen Zimmer im Herzen, während das alles für den Dirigenten nur Nebensächlichkeiten sind. Edwin wird berühmt und der reichste Mann des Landes. Clara heiratet auch, aber ihre Liebe zum Dirigenten, von der er nichts weiß und auch sonst niemand, brennt unvermindert fort …

„Der Geliebte der Mutter“ ist ein interessantes kleines Buch. Die portraitierte Mutter hat mehr als genug Probleme, einmal davon abgesehen, daß sie in einen Mann verliebt ist, der ihre Liebe nicht erwidert. Von Beginn an ist sie irgendwie anders, oder zumindest wird sie von ihrer Umgebung als anders wahrgenommen. Und so wird auch ihre Liebe zu dem aufstrebenden Dirigenten irgendwie anders, intensiver, schließlich obsessiv und krankhaft.

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Der Richter und sein Henker

Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt
Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt

Auf der Straße von Twann nach Lamboing findet Dorfpolizist Clenin im Morgengrauen die Leiche des Polizeileutnants Schmied aus Bern. Mit der Aufklärung des Falles werden Schmieds krebskranker Vorgesetzter, Kommissar Bärlach, und dessen Assistent Tschanz beauftragt. Der Verdacht fällt auf den Finanzier Henri Gastmann, der von Lamboing aus Waffenschiebereien betreibt, die Bärlach ihm nicht beweisen kann. Mit Gastmann hat Bärlach vor Jahrzehnten in Istanbul eine Wette abgeschlossen, durch die Gastmann zu dem wurde, was er jetzt ist: der perfekte Verbrecher; in Istanbul brachte er es fertig, vor Bärlachs Augen einen Mord zu begehen und sich trotzdem ein einwandfreies Alibi zu beschaffen. Jetzt wittert der alte, todgeweihte Kriminalbeamte eine letzte Chance, seinen Gegner eines Verbrechens zu überführen.

Friedrich Dürrenmatt schafft es immer wieder mich gut zu unterhalten. Sowohl seine Prosa als auch seine Bühnenstücke sind so spannend wie intelligent. „Der Richter und sein Henker“ ist zudem noch ein wirklich toller Kriminalroman (und gerade bei Krimis bin ich sonst sehr pingelig). Aber das Buch ist noch so viel mehr!

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Augen zu

Augen zu von Ruth Schweikert
Augen zu von Ruth Schweikert

Der 16. Juni 1995 ist, ein Tag wie jeder Tag, der dreißigste Geburtstag von weltweit ungefähr zweihundertundfünftausend Menschen. In dieser Masse „aufgehoben und wunderbar vernichtet“ lebt in Zürich eine Frau, die sich Aleks Martin Schwarz nennt. Dieser Tag bildet den Hintergrund für einen Roman, der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit einer Liebe und zweier weitverzweigter Familien erzählt, fragmentarisch und präzis zugleich.

Ob Alexander Heinrich nach dreißig Jahren Ehe an einem winterhellen Sonntagnachmittag seine Frau verläßt – „eine fallende Figur, die ihm vollkommen abhängig schien von der Gnade des Augenblicks, den die Schicksalsgöttin auf sie warf“ – oder Ulrike und Imam, selbstvergessen und jeder für sich in den anderen versunken, im Istanbuler Stadtteil Aksarai ihre Schuhe binden. Von Istanbul über Prag nach Paris, von München nach London, Lenzburg und Zürich: Stets entführen die Geschichten die Figuren, die, dem jeweiligen Augenblick schonungslos ausgesetzt, gerade in der eigenen Ohnmacht Halt suchen.

„Augen zu“ könnte eigentlich ein ziemlich interessantes Buch sein. Allein schon die Konstellation der Personen um die weibliche Hauptfigur Aleks ist spannend. Ihr Freund Raoul, Sohn einer jüdischen Mutter und Journalist, dessen Mutter, die am Bahnhof wartet, weil sie glaubt, doch noch deportiert zu werden, die beste Freundin Ulrike, die sich auf viele verschiedene seltsame Männer einläßt, die beiden früheren Lebensgefährten und die neue farbige Frau des einen, ihre beiden unehelichen Söhne. Und dann natürlich ihre dysfunktionale Familie: ihre Mutter eine deutsche Kriegswaise, die Alkoholikerin ist und gegen Ende ihres Lebens in eine Nervenklinik eingewiesen wird, ihr Vater, der im hohen Alter noch eine Freundin findet und deshalb die Mutter verläßt, die Halbschwester, Ergebnis einer Reise des Vaters nach Prag …

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Die Weisen Frauen

Die Weisen Frauen von Sergius Golowin
Die Weisen Frauen von Sergius Golowin

Heute endlich erkennt man, welche Schätze in den uralten Überlieferungen und Sagen um die „Weisen Frauen“ verborgen sind! In der beginnenden Neuzeit auf grausamste Weise verfolgt, kirchlichen Tribunalen und der Verbrennung schutzlos ausgeliefert, waren die als Hexen beschimpften und verleumdeten Frauen in Wahrheit die Bewahrerinnen tief verwurzelter Stammestraditionen und der Naturheilkunde. Sie waren geprägt von einem ganzheitlichen Verständnis für die Zusammenhänge der Natur, wußten um den Einfluß der Gestirne auf das Leben und waren mit den Wirkungen der wundersamsten Kräutermischungen vertraut.

Ich bin ein wenig zwiegespalten, was „Die Weisen Frauen“ angeht. Der erste Teil des Buches will nämlich zu den beiden folgenden Teilen nicht so recht passen (und es stellt sich auch heraus, daß im ersten Teil Essays des Autors zusammengefaßt sind, die deutlich vor dem Buch entstanden). Qualitativ ist das ganze ein Unterschied wie Tag und Nacht.

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