Schlagwort-Archive: Österreich

Die größere Hoffnung

Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger
Die größere Hoffnung von Ilse Aichinger

Es ist Krieg. Das Mädchen Ellen hofft, ihrer nach Amerika emigrierten Mutter nachfolgen zu können. Doch sie, die bei ihrer falschen Großmutter in Wien lebt, erhält vom Konsul kein Visum. Ellen trifft auf andere Kinder, die das gleiche Schicksal teilen. Da ihnen und Ellen alle Orte verwehrt sind, bleibt ihnen nur der Friedhof zum Spielen; oder der Dachboden, wo sie Englisch lernen und das Krippenspiel aufführen. Zwar haben die Kinder Angst vor der geheimen Polizei, dennoch hält Ellen die Hoffnung hoch, entkommen zu können, auch nachdem die Großmutter gestorben ist, die Bombardierungen zunehmen, die Front immer näher rückt und sie die anderen Kinder aus dem Blick verliert. Bei der Einnahme der Stadt durch fremde Soldaten trifft Ellen auf Jan, einen ihrer jungen Offiziere. Als er verwundet wird, schreibt er eine Nachricht, die sie seinen Kameraden bei den Brücken überreichen soll: „Irgendwann mußte man springen. Ellen wußte, daß sie keine Zeit mehr hatte. Sie wußte, daß sie bald springen würde. Es war alles ein einziger Anlauf gewesen …“.

Nach dem Klappentext und nachdem „Die größere Hoffnung“ auch in Harenbergs „Buch der 1000 Bücher“ zu finden ist, hatte ich mit einem beeindruckenden Dokument der Zeitgeschichte gerechnet. Man wurde ich enttäuscht!

Die größere Hoffnung weiterlesen

Maria Stuart

Maria Stuart von Stefan Zweig
Maria Stuart von Stefan Zweig

Dies ist die wahre Lebensgeschichte einer stolzen, schönen, begabten und machtbewußten, aber auch arroganten, ihren Liebes- wie Haßgefühlen ausgelieferten und bis zur Selbstzerstörung eigensinnigen Frau. Maria Stuart, Königin von Schottland und Frankreich, gehört, wie Stefan Zweig sagt, zu jenen sehr seltenen und erregenden Frauen, „deren wirkliche Erlebnisfähigkeit auf eine ganz knappe Frist zusammengedrängt ist, die eine kurze, aber heftige Blüte haben, die sich nicht ausleben in einem ganzen Leben, sondern nur in dem engen und glühenden Raum einer einzigen Leidenschaft.“ Zweig erzählt aus der Position des Unparteiischen temporeich den Aufstieg von der schottischen Kindkönigin zur Gemahlin des französischen Königs Franz II., ihre unglückliche Verwitwung und unerwünschte Rückkehr nach Schottland zwischen die Fronten von Protestantismus und Katholizismus. Er schildert die gefährlichen Amouren der Königin genauso wie die schier unendlichen politischen Verwirrungen und Verstrickungen, in denen alle Beteiligten schuldig werden an Konspirationen und Verrat, an Morden und Totschlag. Dabei entfaltet sich auch ein Bild Europas im 16. Jahrhundert, in dem Reformation und Gegenreformation, Königtum von Gottes Gnaden, Blutsbande und intrigante Kabinettspolitik sich gegenseitig auflauern und mit allen Mitteln um Machtvorteile kämpfen. Im Mittelpunkt stehen schließlich die beiden Königinnen Maria Stuart und Elisabeth I., die sich persönlich niemals gesehen haben, sondern nur Briefe voller Hintersinn und List, voll falscher Liebenswürdigkeiten und drohender Untertöne wechselten. Am Ende gelingt es den englischen Ministern, ein tödliches Netz zu knüpfen, in dem sich Maria Stuart verfängt und Elisabeth von der Eile ihrer Untergebenen überrascht wird …

„Maria Stuart“ ist schon das zweite Buch unter den neuen 50 Büchern der SZ-Bibliothek, bei dem ich mich frage, wieso es in dieser Reihe publiziert worden ist. Denn es ist ganz deutlich kein Roman.

Maria Stuart weiterlesen

Indie Underground

Indie Underground von Adelheid Dahimène
Indie Underground von Adelheid Dahimène

„Liebe Fans, treue Stammhörer, verehrte Zaungäste, seit ich die Gitarre spielen kann, will ich freier Musiker werden, das hört ihr jetzt schon die ganze Zeit, und ich nehme an, es gefällt euch.“ Na klar doch. Vor allem, wenn der Musiker Indie Underground heißt, in einer Hardcore-Band mit Namen OSPEN 2000 spielt und von einem Plattenvertrag und dem internationalen Durchbruch träumt.

Um den perfekten Song dreht sich sein Leben. Danach kommt lange nichts und nur am Rand der Rest: Schule, Familie, die große Liebe und natürlich immer die Musik.

Adelheid Dahimènes „Indie Underground“ erinnert mich in vielen Dingen an Dorota Masłowskas „Die Reiherkönigin“. In beiden Büchern geht es um Musik, beide Bücher sind wie Musikstücke aufgebaut. Während aber „Die Reiherkönigin“ durchgehend gerappt und dadurch ziemlich schwer zu lesen ist, ist „Indie Underground“ wie eine Schallplatte aufgebaut (und auch viel einfacher zu lesen).

Indie Underground weiterlesen

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke

Von einem Tag auf den nächsten ist nichts mehr so, wie es war. Der Monteur Josef Bloch, früher einmal ein bekannter Torwart, wird wortlos entlassen – jedenfalls ist er eines Morgens fest davon überzeugt. Er verläßt seine Arbeitsstelle und spaziert ziellos durch Wien. Alles stört ihn: Die Geräusche der Stadt sind zu laut, deren Grellheit irritiert ihn. Er flüchtet sich in ein dunkles Kino. Mitten im Film hört er eine Glocke läuten, doch er weiß nicht mehr, ob das Geräusch zum Film gehört oder ob es vom nahegelegenen Naschmarkt ins Kino hereindringt. Es ist, als sei die Welt mit einem Mal aus den Fugen geraten. Doch das ist noch nicht alles: Schon bald geschieht ein Mord …

Peter Handke erzählt in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970) die bedrückende Geschichte eines Menschen, der sich mit einem Mal nicht mehr zurechtfindet in der Welt. Er entwickelt eine Kriminalgeschichte, in der sich der Täter selbst auf die Schliche kommen will.

So banal die Handlung dieses Buches ist, so langweilig die handelnden Personen, so faszinierend ist es, den schizoiden Gedankengängen des Protagonisten zu folgen. Wenn ich faszinierend sage, dann meine ich nicht spannend oder etwas ähnliches. Im Gegenteil, das Buch an sich ist ziemlich öde. Ich habe lange gebraucht, es zu lesen und mußte mich manchmal sogar recht quälen dabei.

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter weiterlesen

Traumnovelle

Traumnovelle von Arthur Schnitzler
Traumnovelle von Arthur Schnitzler

„Im Grunde Ihres Wesens sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher, so ehrlich unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war“, schreibt Sigmund Freud in einem Brief an Arthur Schnitzler. Und recht hat er! Was uns in der „Traumnovelle“ begegnet ist nicht mehr und nicht weniger als ein psychologischer Blick auf eine scheinbar glückliche Ehe. Wobei der Klappentext einmal wieder völlig übertreibt:

Fridolin und Albertine führen eine scheinbar harmonische Ehe. Doch unter der Oberfläche rumort es. Beide werden von erotischen Begierden getrieben. Fridolin schmuggelt sich in eine mysteriöse Geheimgesellschaft ein, wo er eine leidenschaftliche Bekanntschaft mit einer unbekannten Schönen schließt. Hier werden Orgien gefeiert, wie sie sich der brave Fridolin zuvor nicht vorzustellen wagte. Doch er ist in Gefahr: Jeder Fremde muß die sexuellen Ausschweifungen mit dem Leben bezahlen, sollte er entdeckt werden. Von seiner Geliebten wird ein großes Opfer verlangt. Doch auch Albertine bleibt nicht lange die Unschuldige, Naive. In erotischen Träumen flüchtet sie in die Arme unbekannter Liebhaber, während Fridolin gequält wird. Durch ihre ungezügelten Begierden wird ihre Partnerschaft auf eine harte Probe gestellt.

Traumnovelle weiterlesen

Engelsblut

Engelsblut von Julia Kröhn
Engelsblut von Julia Kröhn

Eigentlich mag ich historische Romane nicht. Bei „Engelsblut“ hat mich aber der Klappentext angesprochen:

Österreich im 19. Jahrhundert: Die Bilder des Samuel Alt versetzen die Menschen in Schrecken und Zorn – offenbaren sie doch die ungeschminkte Wahrheit über denjenigen, der sich hat portraitieren lassen. Also meidet Samuel Alt die Menschen. Seine Sehnsucht ist es, reine und wunderbare Engelbilder zu schaffen. Aber der Preis dafür ist höher, als er sich hätte träumen lassen.

Das liegt vor allem daran, weil ich eine Schwäche für mißverstandene und/oder geniale Künstler habe. Der Künstler in „Engelsblut“ ist nicht nur all das sondern auch noch geistesgestört. Und diese Störung ist ausgezeichnet dargestellt, Samuels Werdegang ist absolut glaubwürdig beschrieben.

Engelsblut weiterlesen

Der Untergeher

Der Untergeher von Thomas Bernhard
Der Untergeher von Thomas Bernhard

Drei Pianisten, eine Leidenschaft. Alle wollen sie „nur das Höchste“ als wahre Kunst gelten lassen, alle stellen sie größte Ansprüche an sich selbst. Doch nur einem ist der Durchbruch vergönnt. Als der Pianist Wertheim den hinter geschlossenen Türen probenden Rivalen Glenn Gould hört, ist er als Künstler „tödlich“ getroffen, weiß er doch, daß er dessen Genialität nie wird erreichen können. Doch auch der Erzähler kapituliert, verschenkt seinen Steinway-Flügel und entschließt sich, „Weltanschauungskünstler“ zu werden. Beide, der Erzähler wie sein Gegenspieler Wertheim, sind sich einig, daß Goulds Genialität einzigartig ist. Der perfektioniert sein Spiel Tag für Tag, doch zieht er sich dabei immer weiter in die Einsamkeit zurück, bis er mit 51 Jahren – so der Erzähler – plötzlich „tot umfällt am Klavier“. Der Tod des Pianisten läßt die beiden Rivalen von einst nicht unberührt. Es kommt zu drastischen Reaktionen, nach denen nichts mehr so ist, wie es vorher war.

Bernhards Roman vom Klavierspieler Glenn Gould ist ein faszinierendes literarisches Spiel, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Es ist eine virtuos erzählte Geschichte vom Virtuosen, der sich immer tiefer in die Einsamkeit spielt.

Das spannendste an „Der Untergeher“ von Thomas Bernhard ist leider auch schon der Klappentext. In diesem Buch passiert nichts, absolut nichts außer daß der Erzähler in eine schmuddelige Pension eincheckt, zu Abend ißt und zum Hause Wertheims läuft. Nichts dagegen zu sagen eigentlich, es gibt viele gute Romane, die pure Introspektive sind. „Der Untergeher“ aber quält durch seine furchtbare Erzählweise.

Der Untergeher weiterlesen