Archive for the SZ-Bibliothek Category

Mitsou

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. August 2013 by lady8jane
Mitsou von Colette

Mitsou von Colette

Mitsou, 24 Jahre alt, ist Revuestar am Pariser Montmartre: „… keine Nase – oder so gut wie keine -, sehr große Augen, so schwarz wie das Haar, runde Wangen und ein kleiner, trotziger, frischer Mund.“ Sie scheint sich besser auszukennen mit Verehrern als ihre allzu rasch und oft verliebte Freundin Petite Chose und weiß sie zu nehmen, ohne sich etwas zu vergeben: „Gott sei Dank habe ich in den drei Jahren, seit ich mit Pierre beisammen bin, vergessen, was Unannehmlichkeiten sind.“ Aber dann schleppt Petite Chose zwei Leutnants in die Theatergarderobe. Einer ist blau gekleidet. Mit seinem Auftauchen und seinem Brief an Mitsou wird alles anders. Sie antwortet, ein Briefwechsel entsteht zwischen Mitsou und dem Leutnant und zeigt eine zarte, allmählich zwischen ihnen wachsende Liebe. Es kommt zur ersehnten und entscheidenden Begegnung, in der sich Enttäuschung und Hoffnung gleichermaßen bittersüß mischen und die Verliebten soviel voneinander erfahren, was sie zuvor nicht erahnten und erst recht nicht wußten …

„Mitsou“ ist ein extrem süßes kleines Buch. Colette schafft es wunderbar die Stimmung ihrer Charaktere einzufangen, ihre kleinen Eitelkeiten und ihre großen Sehnsüchte. Und man kann nicht anders als Mitleid zu haben mit Mitsou und ihrem Leutnant, die beide die große Liebe suchen und doch nicht finden.

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Schloß Gripsholm

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. Juli 2013 by lady8jane
Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky

Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky

Was gibt es Schöneres, als Ferien zu machen mit einer Frau, genannt „die Prinzessin“: „Sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.“ Außerdem spricht sie „Missingsch“, eine reizvolle Mischung aus Platt- und Hochdeutsch, die immer wieder zu allerlei überraschenden Pointen Anlaß gibt. Zuvor aber wünscht sich der großmächtige Verleger Ernst Rowohlt vom urlaubsfreudigen Autor Kurt Tucholsky, er möge doch eine kleine Liebesgeschichte schreiben, weil die Leute neben Politik und Aktuellem auch noch anderes haben wollen. Frohgemut fahren der Erzähler und Lydia nach Schweden, wollen in die Wipfel der Bäume schauen und sich ausruhen. Unbeschwert, locker und stets bereit zu allerlei Späßen gleiten die Tage auf Schloß Gripsholm dahin. Irgendwann gesellt sich Freund Karlchen zum Urlauberpaar, und dann taucht das Mädchen Billie auf, das die idyllische Zweisamkeit erotisch so irritiert, daß ein zartes Dreierspiel entsteht: „Billies Körper war braun, von Natur oder von der Sonne der See, woher sie gerade kam.“ Trotz aller Ferienseligkeit weiß Tucholsky natürlich, daß die Alltagssorgen damit nicht verschwunden sind. Und dann gibt es da noch ein Mädchen, das Heimweh hat und von einer tyrannischen Heimleiterin gequält wird. Lydia und der Erzähler greifen ein …

Wer „Schloß Gripsholm“ gelesen hat und immer noch behauptet, deutsche Literatur wäre irgendwie schwer oder tiefsinnig oder traurig, dem ist nicht mehr zu helfen. Kurt Tucholsky hat mit diesem Buch eine so leichte, beschwingte und bezaubernde Sommergeschichte geschrieben, daß es eine helle Freude ist.

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Die Welt hinter Dukla

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. Juni 2013 by lady8jane
Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk

Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk

„Ich komme immer wieder in dieses Dukla zurück, um es bei unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen“, schreibt Andrzej Stasiuk, der keine Handlung erzählen will, nur Ereignisse. So kehrt er stets wieder in dieses Dorf am Rande der Karpaten zurück, in dem sommers wie winters „immer etwas los ist“. Schon der Knabe folgt den Spuren von Licht und Nacht, läßt sich treiben durch das Dickicht der Nachmittage, an denen eigentlich nichts passiert, die aber gleichwohl dicht angefüllt sind mit Gerüchen und Geräuschen, mit Lichteindrücken und kleinen Abenteuern der Entdeckung. Eines Tages taucht ein braunes Mädchen in weißem Kleid beim Tanzen auf. Der dreizehnjährige Junge verfällt ihrem Bann, er versucht, gleichsam in sie hineinzuschlüpfen, sie sozusagen von innen zu berühren. Doch aller Beobachtungsanstrengungen zum Trotz kommt es nur zu flüchtigen, plötzlichen Begegnungen. Stasiuks Streifzüge durch Dukla folgen unsichtbaren Wegen und Pfaden durch Atmosphären und Stimmungen, er sammelt Erlebnissplitter, in denen er zugleich sich selbst auf die Spur kommt. Es entsteht das vielfarbig schillernde Kaleidoskop eines so flüchtigen wie einprägsamen poetischen Bilderreigens: „Das Bild, der Zwillingsbruder unseres Verstandes, wird uns überleben.“

Der Klappentext zu „Die Welt hinter Dukla“ klingt nicht sonderlich spannend. Und nachdem ich „Berittener Bogenschütze“ gelesen hatte, das so ähnlich klang und ganz schrecklich war, habe ich mich ein wenig vor diesem Buch hier gedrückt. Als ich es dann aber angefangen habe, war ich sofort begeistert.

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Berittener Bogenschütze

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. Mai 2013 by lady8jane
Berittener Bogenschütze von Brigitte Kronauer

Berittener Bogenschütze von Brigitte Kronauer

Matthias Roth, Dozent der Literatur und Untermieter beim Ehepaar Bartels, beschäftigt sich intensiv mit dem Werk Joseph Conrads, den er „Dichter der Umarmungen“ oder besser „Dichter der einen Umarmung“ nennen will, denn: „Im lang ersehnten Moment fallen die Paare in Erstarrung, in Todesstarre sozusagen.“ Roth lebt aber selbst nach dem Prinzip, daß im Innersten der Leidenschaft „Leere, Stille, Einöde“ herrsche, also keine wirkliche Liebesbeziehung aufrecht erhalten werden kann. Er beobachtet und spiegelt sich in seiner Umwelt, in der Fürsorglichkeit von Frau Bartels mit ihrer weißen Schürze, die ihm Essen kocht und seine Frauenbekanntschaften kommentiert. Auch die Liebesbegegnungen mit der aparten Freundin Marianne können Roth nicht aus seiner Selbstbezogenheit befreien. Vielmehr wächst sich sein Leben in der Stadt als Dozent, Untermieter und Mann allmählich zur Krise aus, Matthias Roth gerät selbst in die Erstarrung. Erst eine Urlaubsreise ans Mittelmeer wird diese depressive Versteinerung auflockern. Die Wanderung in die Tiefen eines einsamen ligurischen Bergtals wird zur Begegnung mit dem Tod und mit sich selbst, die Roths so scheinbar festgefügtes Welt- und Selbstbild erschüttert. Zurückgekehrt vermag er diese Erfahrung nicht produktiv zu nutzen. Erst die Liebe zu Gisela, der Frau seines Freundes Hans, verändert den selbstsüchtigen Matthias Roth endgültig …

„Berittener Bogenschütze“ ist das erste Buch aus der SZ-Bibliothek, das ich nicht komplett durchgelesen habe. Selbst durch „Der Untergeher“ habe ich mich komplett gequält, obwohl ich es unerträglich fand und der Schreibstil mich unglaublich agressiv gemacht hat.

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Christus kam nur bis Eboli

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. April 2013 by lady8jane
Christus kam nur bis Eboli von Carlo Levi

Christus kam nur bis Eboli von Carlo Levi

Der Arzt, Schriftsteller, Maler und Politiker Carlo Levi wird 1935 von Mussolinis Faschisten nach Lukanien verbannt in ein winziges Bergdorf namens Gagliano. Er, der Städter und Intellektuelle, trifft auf eine Umgebung, in der das sonstige Treiben der Welt, sei es politisch, kulturell oder religiös, keine Rolle spielt, weil die bäuerlichen Menschen in ihrer abgrundtiefen Armut versunken, mit dem puren Überleben gegen Hunger und Malaria beschäftigt sind. Aus der anfangs totalen Fremdheit gegenüber diesem archaischen, primitiven Dorfleben, die dem Verbannten nur als stumpfes gefühlloses Vegetieren erscheint, wächst allmählich aber Interesse, gegenseitige Aufmerksamkeit, schließlich Vertrauen und Solidarität. Obwohl er nicht praktizieren darf, wird er zu den Todkranken, zu den im Malariafieber Delirierenden, den sterbenden Kindern geholt und versucht zu helfen, obwohl er keine Heilung bringen kann. Der Fremde aus dem fernen Norden wird zum verehrten Don Carlo, und er beginnt in all die Leiden und Schmerzen, aber auch in die Tiefe der uralten Kultur des Südens einzudringen. Ihre scheinbar irrationalen Riten und abergläubischen Gebräuche eröffnen sich zunehmend seiner forschenden, mitfühlenden Neugier, so wie er jene zu verstehen lernt, die von sich sagen: „Wir sind keine Menschen, keine Christen, wir sind Tiere, denn Christus kam nur bis Eboli, aber nicht weiter, nicht zu uns.“

Im wahrsten Sinne des Wortes gottverlassen ist die Gegend, in der sich der Erzähler in „Christus kam nur bis Eboli“ in der Verbannung wiederfindet. Und trotzdem findet er hier einen Frieden und eine Gemeinschaft, in der er sich seltsam wohl fühlt. Immer wieder schildert er sein Gefühl völliger Entrücktheit von der Wirklichkeit im Norden Italiens, das Gefühl in eine völlig andere Zeit eingetaucht zu sein.

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Niemand der mit mir geht

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. März 2013 by lady8jane
Niemand der mit mir geht von Nadine Gordimer

Niemand der mit mir geht von Nadine Gordimer

Die Juristin Vera Stark arbeitet in einer Stiftung, die willkürliche Umsiedlungen schwarzer Gemeinden verhindern will im Südafrika nach Ende der Apartheid. Ihr Mann Bennet, eigentlich ein Künstler, hat mit einem Partner eine Consultancy-Firma gegründet: „Allein zu Hause, nachts im Bett, besprachen sie stundenlang die Enttäuschungen, Sorgen, Ressentiments und Belohnungen, die sie tagsüber gesammelt hatten, gaben einander Ratschläge, suchten in ihren Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft den Zusammenhang, der ihr Leben war.“ Doch diese Nähe zwischen den beiden wird schwächer, als Vera sich immer stärker dem neuen Südafrika und seiner Politik zuwendet. Dabei zieht sie Zeph Rapulana als Orientierungsfigur des neuen Anfangs in seinen Bann. So beginnt sie, mit ihrer eigenen Vergangenheit zu brechen, auch wenn es ihr Leben mit Bennet bedroht. Parallel zu Veras Selbstvergewisserung steht die Geschichte ihrer schwarzen Freunde Didymus und Sibongile Maqoma, die aus dem Exil zurückkehren. Didymus, der alte Kämpfer des ANC, tut sich schwer mit diesem neuen, anderen Südafrika, während nun Sibongile als schwarze Politikerin Karriere macht. Didymus flüchtet mehr und mehr in die Vergangenheit, bis Sibongiles Name auf einer Todesliste auftaucht …

Wenn man den Titel „Niemand der mit mir geht“ liest, könnte man meinen, in diesem Buch würde es um Einsamkeit gehen, um Traurigkeit und Tragödien. Das tut es aber nicht. Sicher herrscht in dem Buch eine gewisse melancholische Stimmung, aber die Einsamkeit, die im Buchtitel mitschwingt, ist durchweg positiv besetzt.

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Kassandra

Posted in Alexandria, SZ-Bibliothek with tags , on 14. Februar 2013 by lady8jane
Kassandra von Christa Wolf

Kassandra von Christa Wolf

„Tiefer als von jeder anderen Regung, tiefer selbst als von meiner Angst, bin ich durchtränkt, geätzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns Irdischen. Gescheitert das Wagnis, ihrer Eiseskälte unsre kleine Wärme entgegenzusetzen.“ Kassandra, die Seherin, die Prophetin des Untergangs, der man kein Gehör schenkte, steht am Ende des Trojanischen Krieges als Gefangene Agamemnons vor den Mauern von Mykenae und wartet auf den Tod. Sie kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten, doch sie blickt ihm bewußt entgegen. Sie sieht die Männer vor sich, die Helden werden mußten: Der Krieg machte die Kämpfer beider Seiten, ob Trojaner oder Griechen, einander immer ähnlicher. Und sie stellt sich ihrer eigenen Geschichte, der Rolle einer Frau, die zum Objekt und Opfer der Geschichte der Sieger gemacht werden soll.

Christa Wolf greift auf einen der grundlegenden Mythen des Abendlands zurück – und erzählt ihn neu, aus der Sicht Kassandras, die in einer männerdominierten Wirklichkeit um Autonomie ringt und den Heldensagen eine Stimme entgegenhält, die künftig nicht mehr unterschlagen werden kann. 1983 in der BRD und 1984 in der DDR erschienen, wurde „Kassandra“ auch als Kommentar zur Stationierung der Mittelstreckenraketen und atomaren Hochrüstung in Ost und West aufgefaßt. Die Erzählung gehört bis heute zu den meistgelesenen Büchern Christa Wolfs. Ihre Frankfurter Poetikvorlesungen „Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra“ erlangten nicht zuletzt wegen der aktuellen Bezüge zur Friedens- und Frauenbewegung ebenso Kultstatus.

„Kassandra“ habe ich im Rahmen der „Starke Stimmen“-Reihe von Brigitte schon rezensiert. Es ist definitiv zu empfehlen, das Buch zu lesen, weil das Hörbuch doch deutlich gekürzt ist. Außerdem sieht das Buch aus der SZ-Reihe auch noch wirklich wirklich gut aus.