Archiv der Kategorie: Bibliothek Suhrkamp

Augustblitze

Augustblitze von Jorge Ibargüengoitia
Augustblitze von Jorge Ibargüengoitia

In der Bibliothek Suhrkamp sind einige wunderbare Perlen der modernen Literatur erschienen. Und schön aufgemacht ist die Reihe auch noch (wobei mir die „bunten“ Bücher besser gefallen, als die weißen mit dem bunten Streifen). „Augustblitze“ ist eine dieser Perlen und ich habe mich selten so gut amüsiert wie mit diesem schmalen Bändchen. Warum? Hier der Klappentext:

Nicht jedem ist es vergönnt, „De bello gallico“ zu schreiben. Mancher Schlachten- und Revolutionsgeneral muß es hinnehmen, daß ihm ein windiger Ghostwriter seine als Rechtfertigungsschrift angelegten Memoiren zum Beispiel „Augustblitze“ übertitelt. Und was darin dann aufblitzt, sind nicht allemal blanke Schwerter – metaphorisch gesprochen, denn wir sind im 20. Jahrhundert, wo statt Schwertern ein dynamitbeladener Zugwaggon den Vorstoß machen soll -, sondern der schalkhafte Humor des Autors, der dem General die Feder führt. Der Autor, Jorge Ibargüengoitia (1928-1983), erlaubt sich, mit den heiligsten Gütern der mexikanischen Revolution zu scherzen. Dem Entsetzen jeden Krieges dagegen erlaubt er nur momentweise Zutritt.

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Landschaften nach der Schlacht

Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo
Landschaften nach der Schlacht von Juan Goytisolo

Eine verrückte, doch höchst reale Welt tut sich in diesem Buch auf, in dem der Protagonist durch das Sentier-Viertel von Paris streift – dort wohnt er in der Rue Poissonière und ebenso seine Frau, die aber in einem eigenen Appartement haust, er verkehrt mit ihr durch Zettel, die er unter der Tür durchschiebt. „Was ihn anzieht – und seinem beklagenswert gröblichen Geschmack entgegenkommt -, ist das aufgepfropfte, postkoloniale, barbarisierte Paris von Belleville oder Barbès, ein Paris, das nichts Kosmopolitisches oder Kultiviertes hat, das Paris der Analphabeten und Metöken.“ Doch er treibt sich auch in seinen Phantasien, Obsessionen und Gedankenspielen herum, in denen es nicht schön, sittsam, friedlich und freundlich zugeht, sondern häßlich, unsauber, aggressiv und obszön. „In die Realitäten einzutauchen ist ein ebenso riskantes Unterfangen wie das Betreten eines Minenfeldes.“ Der Protagonist ist griesgrämig, neigt zur Pädophilie, schwärmt für Lewis Carroll, den Erfinder von „Alice im Wunderland“, und stellt Collagen aus Zeitungsausschnitten und pornographischer Leserpost genauso zusammen, wie er sich Stalin zurechtträumt oder Albanien als surreales Paradies entwirft oder sich vorstellt, wie sich der Klimawandel konkret auswirkt auf die Küstenstreifen oder tiefliegende Länder. Und er liebt die Poesie der mystischen Sufi-Derwische …

„Landschaften nach der Schlacht“ ist eines dieser Bücher, von denen ich nicht so recht weiß, was ich von ihnen halten soll. Es hat Stellen, die einfach brillant sind. Gerade die surrealen Passagen, in denen z.B. ganz Paris auf einmal in arabischer Schrift ausgeschildert ist und keiner der „Ureinwohner“ sich mehr zurecht findet. Oder die Abschnitte über obskure Wiederstandsbewegungen obskurer Klein- und Kleinststaaten und -völker. Und vor allem meine Lieblingsepisode, in der zur Jubilarfeier der unbekannte Soldat aus seinem Grab in Paris exhumiert wird, um ihm endlich ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, und sich dann herausstellt, daß dort ein Schwarzer begraben liegt. Das ist witzig, spritzig, das ist köstlich, ironisch, komisch.

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Ich habe den englischen König bedient

Ich habe den englischen König bedient von Bohumil Hrabal
Ich habe den englischen König bedient von Bohumil Hrabal

„Ich habe den englischen König bedient“ ist ein herrlich deftiger, bösartiger und so witzig wie melancholischer Schelmenroman. Der Ich-Erzähler beginnt ganz klein als Pikkolo in einem Hotel, steigt auf, wechselt die Hotels, eifert dem großen Hoteliers und Oberkellnern nach (von denen einer angeblich den englischen König bedient hat), bedient schließlich selbst den abessinischen Kaiser, verliebt sich während der Besatzungszeit in eine Deutsche, heiratet mit Ariernachweis, zeugt ein schwachsinniges Kind (und das in einem Lebensbornheim), steigt schließlich selbst zum Millionär und Hotelbesitzer auf, verliert alles und lebt schließlich zufrieden in der Einöde.

Die wunderbar naive und dabei gleichzeitig so weise Weltsicht des Protagonisten ist es, was „Ich habe den englischen König bedient“ zu einem wirklich lesenswerten Werk machen. Er stolpert durch sein Leben, getrieben von primitiven Instinkten, dem Wunsch nach Geld und Frauen, dem Bestreben von den Reichen und Mächtigen anerkannt zu werden. Bis er irgendwann an den Punkt kommt, an dem ihm das alles unwichtig wird. Schon vorher durchzieht immer wieder eine feine Melancholie das Werk, zum Beispiel wenn unser Kellner die deutschen Offiziere und ihre Frauen beobachtet, die sich zum letzten Mal sehen, bevor die Männer an die Front müssen. Am Ende des Buches herrschen aber durchweg die ernsteren Töne vor, gleichzeitig ist alles von einer heiteren Gelassenheit umwoben.

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Die folgende Geschichte

Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom
Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom

Schon von Cees Nootebooms „Allerseelen“ war ich begeistert. „Die folgende Geschichte“ ist noch besser, geradezu atemberaubend!

Wie immer ist Nootebooms Sprache ganz wunderbar, man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und Sätze von purer Schönheit lesen. Egal, ob er Menschen beschreibt oder Situationen, ob er Schauplätze, Teile einer Stadt schildert, Erinnerungsfetzen heraufbeschwört oder über Literatur nachdenkt, immer geschieht das in einer ungeheuer poetischen und dabei so kargen, fast knappen Sprache. Einfach grandios!

Die Geschichte, die er uns dabei erzählt, ist mehr als mysteriös und jedesmal, wenn wir denken, wir haben begriffen, was da geschildert wird, passiert wieder etwas, das alles umwirft. Ein Mann wacht eines Morgens in einem Hotelzimmer in Lissabon auf, obwohl er sich genau daran erinnert, am Abend davor in seiner Wohnung in Amsterdam ins Bett gegangen zu sein. Wir erfahren nach und nach, daß er schon älter ist und nicht gerade hübsch, ein ehemaliger Lateinlehrer, der mittlerweile Reiseführer verfaßt. In seiner aktiven Lehrzeit hatte er ein Verhältnis mit einer Biologielehrerin, deren Mann seinerseits ein Verhältnis mit einer Schülerin hatte. Wie alle diese Geschichten, geht auch dieses Mehrecksverhältnis schlecht aus, sogar fatal, denn die Schülerin stirbt bei einem Unfall. In Lissabon erinnert er sich an einige Tage, die er mit seiner Geliebten hier verbracht hat, besucht noch einmal die Stätten, die er auch mit ihr besucht hat, und besteigt schließlich ein Schiff, das ihn zusammen mit einigen Mitreisenden nach Südamerika bringt.

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Lügen in Zeiten des Krieges

Lügen in Zeiten des Krieges von Louis Begley
Lügen in Zeiten des Krieges von Louis Begley

Louis Begley erzählt die Geschichte von der Hölle der Todesangst und dem Überleben in ihr: Der Knabe Maciek aus T. in Polen, Sohn eines angesehenen jüdischen Arztes, erfährt, wie sich seine anfangs so wohl behütete, idyllische Kindheitswelt verfinstert bis ins Nachtschwarze mörderischer Ausweglosigkeit. Doch zuerst scheint alles im Lot, Maciek genießt seine Kindheit mit dem imposanten Großvater, der weichen Großmutter, der schönen Tante Tanja und dem sorgsamen Vater. Und seine Furcht vor dem Riesen in der Nacht wird beruhigt von Zosia, dem polnischen Kindermädchen. Doch mit dem „Anschluß“ Österreichs setzen Nervosität, Unruhe und Angst ein, der Kriegsausbruch im September 1939 verändert dieses Leben total. Die Deutschen kommen, Maciek und seine Familie müssen wie alle Juden ihr Haus verlassen. Was folgt, sind täglich Demütigung, Elend, Razzien, Todesfurcht und Tod, aber auch Knabenspiele, erwachende Pubertät. Tante Tanja befreundet sich mit dem Deutschen Reinhard, er hilft Macieks Familie mit falschen Papieren. Als die Deportation unmittelbar bevorsteht, warnt Reinhard die Familie und versteckt Tanja und Maciek in einer Wohnung in Lwów. Doch Gefahr und Verderben nehmen zu, Reinhard und die Großmutter werden von der Gestapo in T. entdeckt, er erschießt sich und die alte Frau und gewinnt Zeit für Tanja und Maciek durch diese Tat. Mit neuen Not- und Rettungslügen taumeln Tanja und Maciek, unter dem steigenden Druck, endgültig entdeckt zu werden, weiter durch das Inferno des Krieges …

„Lügen in Zeiten des Krieges“ ist ein verstörendes Dokument des Überlebens. Es beginnt langsam, fast langweilig, harmlos. Doch nach und nach steigert sich die Erzählung, verdichtet sich bis zu den beklemmend geschilderten letzten Kriegstagen.

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Der Liebhaber

Der Liebhaber von Marguerite Duras
Der Liebhaber von Marguerite Duras

Alt ist sie geworden, die französische Schriftstellerin. Zu viel Alkohol hat ihr Gesicht ruiniert. Dabei war sie früher einmal so wunderschön, so verführerisch. Wie war das damals gewesen, vor vielen Jahren, die exotische Affäre mit dem Asiaten? Sie träumt sich zurück nach Indochina, an die Ufer des Mekongs. Noch einmal erwacht alles vor ihrem inneren Auge: wie sie sich, damals noch beinahe ein Kind, bei der Überquerung des Flusses in einen fast doppelt so alten, reichen Chinesen verliebt. Wie er sie bald jeden Tag in seiner Limousine von ihrer Mädchenschule in Saigon abholt und jeden Tag auf ihr Verlangen hin tiefer in die Geheimnisse der Liebe und der Sexualität einweiht. Eine wilde, unbezähmbare, doch gesellschaftlich unmögliche amour fou entbrennt zwischen den beiden. Der Chinese verliebt sich in sie, doch sie will als Prostituierte behandelt werden, und ihre Familie, die das Geld dringend benötigt, schweigt. Erst auf der langen Rückfahrt nach Frankreich wird der jungen Frau bewußt, daß sie einen schweren Fehler begangen hat.

Duras‘ autobiographisch inspirierter Roman über ihre Jugend wurde 1984 ein Bestseller. Sie selbst bezeichnete das mit dem angesehenen „Prix Goncourt“ ausgezeichnete Werk als „das leichteste Buch, das ich jemals geschrieben habe“.

Wieder einmal ein Klappentext, der wirklich und absolut unmöglich ist! „Der Liebhaber“ ist vieles, aber ganz sicher keine geradelinige Geschichte. Und auch die Entscheidung, als Prostituierte behandelt zu werden, fällt nicht so bewußt, wie das hier dargestellt wird, noch trifft das Mädchen die Entscheidung nach Frankreich zurückzugehen. Aber vor allem und auf keinen Fall geht es in diesem Roman um Reue.

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Unterm Rad

Unterm Rad von Hermann Hesse
Unterm Rad von Hermann Hesse

Hans Giebenrath ist ein guter Schüler und ein sensibler Junge. Sein ehrgeiziger Vater sorgt dafür, daß er von den Lehrern und Honoratioren seiner Kleinstadt in Süddeutschland als einziger Kandidat für das traditionelle württembergische „Landesexamen“ ausgewählt wird. Getrieben vom väterlichen Ehrgeiz vertieft sich Hans ganz in die Vorbereitungen; Zeit, seine Kindheit auszuleben, hat er kaum noch. Am Ende ist er dem körperlichen Zusammenbruch nahe, doch sein Eifer macht sich bezahlt: Nach der Prüfung stehen ihm die Türen für ein kostenloses Theologiestudium in der Klosterschule Maulbronn offen. Dort begegnet der Musterschüler Hans dem anarchischen Hermann Heilner, einem Rebell und selbsternannten Dichter. Die Begegnung wird Hans für immer verändern.

„Unterm Rad“ (1906) ist ein intime, einfühlsame Geschichte vom Erwachsenwerden. In ihr verarbeitet Hesse seine eigenen Erfahrungen als Schüler und Heranwachsender und veranschaulicht auf eindringliche Weise den Konflikt zwischen schulischer Ordnungsliebe und individuellem Freiheitsdrang.

So sehr mir die späteren Sachen von Hermann Hesse gefallen („Siddhartha“ zum Beispiel), so wenig kann ich mit seinen frühen Werken anfangen. Es ist nicht so, daß sie schlecht geschrieben wären, aber sie sind so furchtbar pubertär und gleichzeitig so altmodisch elegisch.

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