Sitt Marie-Rose

Sitt Marie-Rose von Etel Adnan
Sitt Marie-Rose von Etel Adnan

Beirut 1975: Die libanesische Christin Sitt Marie-Rose unterstützt palästinensische Flüchtlinge. Im Konflikt zwischen Libanesen und Palästinensern wird sie als Verräterin verhaftet und soll ausgerechnet von Mounir verurteilt werden, ihrer alten Jugendliebe. Er steht ihr als Feind gegenüber.

„Sitt Marie-Rose“ ist trotz seiner Kürze ein herausragendes Buch. Zunächst einmal natürlich durch sein Thema. Der libanesische Bürgerkrieg zeigt nämlich mehr als alles andere, daß die Situation im Nahen Osten ganz und gar nicht so einfach ist, wie uns das Fernsehn manchmal glauben machen will. Hier sind es zum Beispiel die Christen, die in der Rolle der Aggressoren und Oppressoren gezeigt werden.

Etel Adnan, die selbst aus einer moslemisch-christlichen Familie stammt (eine wirkliche Ausnahme, daß man überkonfessionell heiratet, auch heute noch), wirft in ihrem Roman einen scharfen Blick auf die Gründe für Aggressivität und Kampf im Nahen Osten. Es sind einige sehr interessante Dinge über die Wurzeln des Konflikt, die sie da sagt, genauso wie über das Verhältnis von Mann und Frau in diesem Kulturkreis.

Mindestens genauso interessant wie das Thema ist Adnans Erzählweise. Sie beschränkt sich nicht auf eine einzige Sicht, sondern läßt viele Personen zu Wort kommen. Dabei ermöglicht sie eine Innensicht sowohl der Täter als auch der Opfer. Und so wird ganz schnell aus Schwarz und Weiß ein sehr differenziertes Grau.

Abgerundet wird „Sitt Marie-Rose“ durch einen Vortrag zu ihrer eigenen Biographie, die Adnan 1986 gehalten hat. Vieles läßt sich dadurch besser verstehen, es verstärkt sich aber noch einmal der Eindruck von der Komplexität des Nahen Ostens. Denn auch innerhalb der Moslems oder Christen gibt es noch einmal konfessionelle Unterschiede und Konflikte, manche davon durchaus kolonialistisch geprägt.

Jeder, der sich auch nur ansatzweise für die aktuelle Situation im Nahen Osten interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben.