Ice Candy Man

Ice Candy Man von Bapsi Sidhwa
Ice Candy Man von Bapsi Sidhwa

Das kleine Parsenmädchen Lenny wächst in einem Milieu auf, das von Toleranz und Verträglichkeit geprägt scheint. Daß es neben Parsen auch Sikhs, Hindus und Moslems gibt, weiß Lenny denn die hat ein Kindermädchen, eine hübsche junge Ayah, der Verehrer aller Glaubensrichtungen, darunter der moslemische Ice-Candy-Verkäufer, nachstellen. Die Idylle findet ein abruptes Ende, als 1947 der Panjab zwischen den unabhängigen Staaten Indien und Pakistan aufgeteilt wird: Lahore brennt, religiöser Fanatismus bricht aus, Freunde von ehedem bekämpfen sich erbittert, und der gutmütige Ice Candy Man verwandelt sich in einen gewissenlosen Opportunisten, der das Vertrauen des Kindes mißbraucht, um die begehrenswerte Ayah in seine Gewalt zu bringen.

Bapsi Sidhwa erzählt unnachahmlich aus kindlicher Perspektive von der Exotik des orientalischen Lebens und dem jähen Umschlag in unbegreifliche Grausamkeit.

„Ice Candy Man“ ist kein Buch für schwache Gemüter. Bapsi Sidhwa erzählt in eindringlichen Bildern von der Grausamkeit, die mit der Teilung Indiens und Pakistans einherging, und die von Wikipedia so lakonisch mit „Es folgte eine Zeit der unkontrollierten Gewalt.“ umschrieben wird. Obwohl in diesem Roman die gewaltsamen Auseinandersetzungen in einem eher sachlichen Stil gehalten sind und auf keinen Fall reißerisch ausgeschlachtet werden, sind sie teilweise beim Lesen fast nicht zu ertragen.

Sie sind umso erschreckender, weil die Autorin bis zu etwa der Hälfte des Buches das Leben des Parsenmädchens Lenny vor den ersten Ausbrüchen des Konflikts erzählt. Wie bei den Parsen oft üblich, ist auch ihre Familie sehr tolerant und beschäftigt Hindus mehrerer Kasten genauso wie Moslems. Lennys Kindermädchen wird von Verehrern aus allen möglichen Religionsgemeinschaften umschwärmt und schenkt allen gleichermaßen Aufmerksamkeit. Diese fröhliche Gemeinschaft auseinanderbrechen und sich gegenseitig grausam Dinge antun zu sehen ist schlicht furchtbar.

Besonders furchtbar, weil die Sidhwa hier ganz wunderbar sympathische Charaktere schafft, die ungeheuer menschlich und lebendig sind. Auch der Ice Candy Man ist so nicht nur ein Bösewicht. Schade ist aber, daß die Autorin mit Lenny eine so wenig sympathische und bis zur Schmerzgrenze naive Ich-Erzählerin verwendet. Jede andere Sicht wäre mir lieber gewesen. Vor allem die Geschichte der Patentante hätte mich mehr interessiert. Für mich mit Abstand die beeindruckendste Figur des Romans.

Außerdem fand ich es ziemlich lästig, wie oft in diesem Buch muttersprachliche Ausdrücke verwendet werden. Sicher, sie sind zum Großteil im abschließenden Glossar erklärt, aber oft sind sie einfach nicht nötig. Personen, Namen für Speisen oder Anredeformen zu erklären, OK. Wieso aber zum Beispiel Billa (=Kater), Ghunghat (=Gesichtsschleier) oder Nikah (=Hochzeit) schreiben, wenn die deutschen Wörter genauso gut (und wesentlich besser verständlich) gewesen wären. Durch das ständige hin- und herblättern wurde mein Lesefluß doch erheblich gestört. Etwas weniger Exotik und dafür viel bessere Lesbarkeit wären hier schon nicht schlecht gewesen.

Trotzdem ein gutes Buch, das sich lohnt zu lesen.