Meisternovellen

Meisternovellen von Maxim Gorki
Meisternovellen von Maxim Gorki

Maxim Gorki ist der Klassiker der russischen Moderne, ein Meister der Kunst des Andeutens und Verschweigens. Abenteuer und Diebe, Landstreicher und die Welt der kleinen Leute stehen im Mittelpunkt seiner Erzählungen: „Man muß dem Menschen einen Igel unter die Schädeldecke setzen, damit er sich nie beruhigt.“

In „Meisternovellen“ werden zehn Novellen Maxim Gorkis aus verschiedenen Schaffensperioden zusammengefaßt. Ich würde sie jetzt nicht alle als tatsächliche Meisterstücke beschrieben (und tatsächlich noch nicht einmal alle als Novellen). Es sind schwächere Geschichten dabei, aber auch einige seiner stärksten und bekanntesten. Auf alle Fälle geben sie einen guten Überblick über Gorkis Themen.

Mir gefällt bei Gorki vor allem die Art wie er Dialoge schreibt, er hatte ein wirklich gutes Ohr dafür. Außerdem sind seine Beschreibungen von Landschaften und Szenen ungeheuer lebendig und farbig. Bis ins kleinste Detail genau und gleichzeitig wahnsinnig poetisch.

Hier ein Überblick über die verschiedenen Novellen:

Konowalow ist ein Bäckergeselle, auf den der Erzähler zu zwei völlig verschiedenen Gelegenheiten trifft. Doch so verschieden diese Begegnungen auch sind, geprägt sind sie beide von der Schwermut Konowalows, der sich schließlich auch das Leben nimmt. Heute würde man ihn wohl mit Depression diagnostizieren. Beeindruckend hier, wie genau Gorki diese Krankheit schildert (unter der er selbst gelitten haben soll).

In Die Entdeckung merkt man, daß Gorki im Milieu des Bürgertums nicht ganz zuhause ist. Seine Figuren und die gesamte Erzählung wirken manchmal sehr konstruiert. Dennoch beeindruckt diese Geschichte durch ungeheuer poetische Beschreibungen von Landschaften und Stimmungen.

Die Geschichte mit dem Silberschloß ist für mich eine der schwächsten des Buches. Trotzdem haben mich die drei Landstreicher manchmal ein wenig an Steinbecks Figuren in „Tortilla Flat“ erinnert. Steinbecks Figuren mit sehr viel russischer Schwermut, heißt das.

Weniger eine Geschichte als mehr die Beschreibung einzelner Szenen findet man in der Novelle Jahrmarkt in Goltwa. Dabei sind Gorkis Schilderungen so farbig und eindringlich, seine Dialoge so lebensecht, daß man diese Szenen tatsächlich vor sich zu sehen meint. Interessant ist es außerdem, die deutlich rassistischen Beschreibungen von Zigeunern und Juden zu lesen. Damals völlig normal und das selbst bei Gorkis politischer Ausrichtung und sozialer Herkunft!

Aus Langeweile vertreibt sich die Besatzung einer einsamen Bahnstation in der Steppe die Zeit mit Klatsch. Schließlich fängt einer der Weichensteller eine Affäre mit der häßlichen Köchin an. Die Sache kommt heraus und die beiden werden zum Gespött der Besatzung … mit tragischen Folgen.

Die schöne Malwa verdreht einem Vater und dessen erwachsenem Sohn den Kopf. Sie manipuliert die beiden auf subtile Weise, bis sie sich um sie prügeln … und entscheidet sich dann doch für einen anderen. Für mich die beste Geschichte.

In Blasen macht sich Gorki über aufgeblasene Schriftsteller und Kritiker lustig, indem er sie mit Seifenblasen vergleicht.

Am Heiligabend haben zwei Bettler und Diebe eine seltsame Begegnung mit einem reichen Mann, der sich von all seinem Besitz belastet fühlt und ihn doch nicht aufgeben will.

Der Fremdenführer ist eigentlich keiner, gesteht das aber erst nach einigen Schnäpsen. Diese Geschichte ist definitiv schon eine moderne Kurzgeschichte: abrupter Einstieg, offener Schluß!

Das blaue Leben ist eine ungeheuer faszinierende Studie einer psychotischen Krise. Sehr spannend ist vor allem, daß Gorki aus der Sicht des Geisteskranken schreibt. Zum Abschluß also noch einmal eine ganz starke Geschichte.