Jakob von Gunten

Jakob von Gunten von Robert Walser
Jakob von Gunten von Robert Walser

Jakob von Gunten stammt aus gutem Haus. Er verläßt es aber aus Angst, von der Vortrefflichkeit des Vaters erstickt zu werden. Er meldet sich in einer Knabenschule, und Herr Benjamenta, der Institutsvorsteher, nimmt ihn auf. Fräulein Lisa, die Schwester des Vorstehers, unterrichtet Gehorsam und Benehmen. Ein Grundsatz lautet: „Wenig, aber gründlich.“ Jakob versucht einmal gegen die Demütigungen zu rebellieren, aber als er sich beschweren will, läßt ihn Herr Benjamenta fünfmal anklopfen, sich verbeugen und laut und deutlich grüßen: „Guten Tag, Herr Vorsteher.“ Dann darf er sich endlich beklagen, doch Herr Benjamenta läßt ihn stehen und liest Zeitung. Über den Musterschüler Kraus schreibt Jakob in sein Tagebuch, er reite auf der Zufriedenheit, aber das sei „ein Gaul, den Personen, die galoppieren wollen, nicht besteigen mögen“. Eines Tages gesteht ihm der Institutsvorsteher, er liebe erstmals einen Menschen, nämlich ihn, ob Jakob nicht sein Freund und Vertrauter werden wolle. Lisa Benjamenta sieht derweil immer kränker aus und gesteht Jakob, daß sie bald sterben werde. Kurz darauf ist sie tot. Die anderen Zöglinge verlassen die Schule. Jakob bleibt allein mit Herrn Benjamenta zurück. Der erklärt, daß er keine Schüler mehr aufgenommen habe, weil er das Institut schließen werde. Und er lädt Jakob ein, ihn zu begleiten: „Wir werden reisen“ …

Robert Walser kannte ich vor der SZ-Bibliothek noch nicht einmal dem Namen nach. Dabei ist er ein wirklich genialer Autor. Sein „Jakob von Gunten“ ist ein äußerst vergnügliches Buch. Es ist wirklich gut geschrieben, das ist das eine. In einem absolut brillanten Deutsch, mit sehr spitzem und subtilem Humor, einfach ein Vergnügen.

Das andere ist Walsers ungeheuer moderne Weltsicht. Seine Beschreibung unserer modernen Welt durch Jakobs Augen ist so zynisch und wie sie nur sein kann. Dabei ist der Tonfall des Erzählers das genaue Gegenteil. Er ist vom Gedanken begeistert, sich zu fügen und ein winziges Rädchen im Getriebe zu sein. Seine schiere Begeisterung und seine Anmerkungen über seine Ziele im Leben sind so erschreckend wie unheimlich.

Dem gegenüber stehen die beständigen homoerotischen Momente des Romans. Nicht nur zu den anderen Schülern des Instituts hat Jakob teilweise sehr intensive Beziehungen. Auch sein Verhältnis zum Vorsteher des Instituts ist von Anfang an von großer Bewunderung und Anbetung geprägt, die Jakob immer wieder zu Aufsässigkeiten anstachelt. Als gegen Ende des Buches klar wird, daß der Vorsteher selbst starke Gefühle empfindet, tun sich die beiden zusammen um gemeinsam zu reisen. Im Prinzip also eine komplette Negierung des vorhergehenden Lobpreises der Gesellschaft.

Ein ungeheuer interessantes Buch, das ich ganz sicher noch einmal lesen werde.