Bewohnte Frau

Bewohnte Frau von Gioconda Belli
Bewohnte Frau von Gioconda Belli

Die junge, attraktive Architektin Lavinia steht am Beginn ihrer Karriere. Sie hat in Europa studiert und führt nun in der Hauptstadt ihrer lateinamerikanischen Heimat das unbeschwerte und sorgenfreie Leben einer unabhängigen Frau aus der Oberschicht. Ihre Rebellion gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse beschränkt sich auf gelegentliche Proteste gegen ihre allzu konservative Familie. Das ändert sich über Nacht, als sie sich in Felipe, ihren Kollegen, verliebt, der mit der Untergrundbewegung des Landes zusammenarbeitet. Während sie anfangs nur zögerlich „Beihilfe“ leistet, findet sie bald zu einer eigenständigen, auch von Felipes Vorstellungen emanzipierten Rolle im Kampf gegen Terror und Unterdrückung.

Nachdem ich von „Tochter des Vulkans“ so enttäuscht war, mußte ich unbedingt noch einmal „Bewohnte Frau“ lesen. Dieses Buch von Gioconda Belli hatte ich nämlich vor vielleicht 15 Jahren gelesen und war davon begeistert gewesen. Jetzt wollte ich überprüfen, ob ich damals nur irgendwie verblendet war oder ob sich Bellis Stil und Schreibqualität innerhalb von nur zwei Jahren, die von „Bewohnte Frau“ (1988) bis „Tochter des Vulkans“ (1990) vergangen sind, so verändert hat.

Das ist tatsächlich der Fall, denn „Bewohnte Frau“ finde ich immer noch großartig. Vermutlich liegt das aber auch daran, daß Belli hier aus ihrer persönlichen Biographie schöpft, denn wie ihre Heldin stammt auch sie aus einer reichen Familie, hat auch sie in Europa studiert und war auch sie in der Befreiungsbewegung ihres Landes tätig. Deshalb ist die Gefühlswelt von Lavinia vielleicht so intensiv geschildert, so nachvollziehbar (und das obwohl man selbst nicht auch nur ansatzweise in einer solchen Situation ist oder je sein wird).

Natürlich gibt es in diesem Buch auch ein paar kleine Schwächen. Es spielt in den 1970ern und die Heldin ist gar zu arg frauenbewegt. Alles muß zudem durchdiskutiert und beredet werden. Aber diese Stellen sind nie zu lang und auch nie zu aufdringlich. Somit sind sie genausogut zu ertragen wie die manchmal etwas zu pathetische und etwas beschönigende Art in der über die Männer und Frauen der Befreiungsbewegung geredet wird. Aber wenn man bedenkt, daß Belli wohl selbst einige Freunde im Kampf gegen die Diktatur verloren hat, ist das mehr als verständlich. Und im Grunde sind die Sandinistas ja auch Helden und wie anders als pathetisch sollte man über Helden sprechen?

Was der Klappentext völlig unterschlägt ist die zweite Erzählebene, die Ebene, die dem Buch seinen Titel gegeben hat. Lavinia ist die bewohnte Frau, bewohnt von der Seele einer Indianerin, die zu ihrer Zeit gegen die ankommenden Spanier ihren eigenen Befreiungskampf geführt hat. Diese Erzählebene ist sehr schön weil sehr dezent in das Buch eingeflochten. Die Indianerin tritt nur selten zutage und es werden auch nur einige wenige Ausschnitte aus ihrem Leben erzählt. Trotzdem machen diese Abschnitte das Buch für mich irgendwie aus. Die Vorstellung, tot in der Erde zu liegen, bis einen die Wurzeln eines Baumes erreichen, über die man Teil des Baumes wird, über dessen Früchte man Teil einer Person wird … die ist irgendwie wunderbar.