Stille Zeile Sechs

Stille Zeile Sechs von Monika Maron
Stille Zeile Sechs von Monika Maron

Die DDR Mitte der achtziger Jahre: Rosalind Polkowski, zweiundvierzigjährige Historikerin, beschließt, ihren Kopf von der Erwerbstätigkeit zu befreien und ihre intellektuellen Fähigkeiten nur noch für die eigenen Interessen zu nutzen. Herbert Beerenbaum, ehemals ein mächtiger Funktionär, bietet ihr eine Gelegenheitsarbeit: Rosalind soll, da seine rechte Hand gelähmt ist, seine Memoiren aufschreiben. „Er war mir wegen seines kurzen, aus den Kniegelenken geworfenen und auf der ganzen Sohle landenden Schritts aufgefallen, eine Art der Fortbewegung, die ich häufig an alten Männern beobachtet habe, von denen ich annahm, daß sie es aus ihren jüngeren Jahren gewohnt waren, sicher und, wie meine Mutter sagen würde, forsch aufzutreten.“ Trotz Rosalinds Vorsatz, nur ihre Hand, nicht aber ihren Kopf in den Dienst dieses Mannes zu stellen, kommt es zu einem Kampf um das Stück Geschichte, das beider Leben ausmachte, in dem der eine erst Opfer dann Täter war, und als dessen Opfer sich Rosalind fühlt. Die Auseinandersetzung mit Beerenbaum läßt sie etwas ahnen von den eigenen Abgründen und den eigenen Fähigkeiten zur Täterschaft. „Stille Zeile Sechs“ ist die Adresse Beerenbaums, eine ruhige, gepflegte Gegend für Privilegierte, weit entfernt von dem, was in den Straßen der DDR vor sich geht …

Ich weiß nicht so recht, was ich von „Stille Zeile Sechs“ halten soll. Einerseits ist es ein recht interessantes Buch über Schuld und Sühne, Macht und Ohnmacht und den alltäglichen Wahnsinn in der DDR. Monika Maron schafft zudem sehr interessante und lebendige Charaktere, die man so in einem DDR-Roman nicht erwarten würde. Die Klavierlehrerin, Rosalinds Ex-Freund und sein Kneipenkumpels sind ganz großartig.

Die Hauptfigur aber … ach ich weiß nicht. Maron verschenkt viel von ihrem Konfliktpotential dadurch, daß sie Rosalind mit einem instinktiven Ekel vor alten Männern ausgestattet hat. Dieser Hass, der kaum etwas mit den tatsächlichen Verbrechen zu tun hat, die von den DDR-Oberen begangen wurden, läßt sie über weite Strecken sehr pubertär und respektlos herüberkommen. Schade, irgendwie.