Narrenweisheit

Narrenweisheit von Lion Feuchtwanger
Narrenweisheit von Lion Feuchtwanger

Der berühmte französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau ist tot. Das ärztliche Gutachten bescheinigt zwar einen Gehirnschlag als Todesursache, aber niemand glaubt daran: „Da lag er, herausgerissen mitten aus seinen Plänen, mit der klaffenden Schläfe. So viele Freunde waren in der Nähe, und er, der große alte Mann, war verblutet und verröchelt, allein, in jener gräßlichen, kalten Einsamkeit, deren Verzweiflung er sein Leben lang beklagt und besungen hatte.“ Hartnäckig hält sich das Gerücht, Nicolas, der Geliebte von Rousseaus Frau Therese, sei der Mörder. Es beginnt ein Kampf um das Erbe des toten Philosophen, der in seiner Familie als Narr galt, unfähig, aus seinem Werk finanziellen Gewinn zu ziehen. Auch um das Vermächtnis seiner Lehre tobt der Streit, der Freunde und Feinde Rousseaus in die unterschiedlichen Lager der Französischen Revolution führt und in Befürworter und Gegner der Gewalt spaltet. Die Logik der Revolution ist die Guillotine, sagt der junge Fernand, glühender Verehrer Rousseaus, den eigenen Tod vor Augen …

„Narrenweisheit“ erzählt, anders als der Klappentextschreiberling uns glauben machen möchte, nicht die Geschichte von Jean-Jacques Rousseaus Tod oder der Suche nach seinem Mörder oder ähnlichem. Lion Feuchtwanger erzählt nicht mehr und nicht weniger als die Folgen von Rousseaus philosophischem Werk. Dabei problematisiert er fast nebenbei die Differenz zwischen philosophischen Gedanken und ihrer praktischen Umsetzung.

Feuchtwanger ist, wie immer, einfach brillant. Seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge darzustellen, dabei unendlich lebendige Charaktere zu schaffen und auch noch eine spannende Geschichte zu erzählen, ist beinahe unerreicht. Dieses Buch hat alles: Sex, Gewalt, Freundschaft, Liebe, innere und äußere Konflikte … Und das ganze in der aufregenden und bewegten Zeit der französischen Revolution.

Für mich, die ich Jean-Jacques Rousseaus „Bekenntnisse“ mit großer Begeisterung gelesen habe, war „Narrenweisheit“ ein doppeltes Vergnügen. Denn hier wurden Figuren lebendig, die ich vorher nur aus Rousseaus etwas trockenen Schilderungen kannte. Und auch die „Bekenntnisse“ selbst haben einen ziemlich wichtigen Auftritt in Feuchtwangers Roman.

So und nicht anders sollten historische Romane geschrieben sein.