Gespenstergeschichten aus Lateinamerika

Gespenstergeschichten aus Lateinamerika herausgegeben von Veronika Schmidt
Gespenster- geschichten aus Lateinamerika herausgegeben von Veronika Schmidt

Wer sich bei einem Titel wie „Gespenstergeschichten aus Lateinamerika“ vorstellt, traditionelle Gespenstergeschichten aus dem lateinamerikanischen Kulturkreis zu lesen, der irrt. Stattdessen sollte man sich an den (diesmal erstaunlich präzisen) Klappentext halten:

Eine indianische Statue wird schauderhaft lebendig; und geheimnisvolle Zeichen führen zur Zeitreise in andere Welten; eine Ehefrau wird nachts buchstäblich zum Tiger, ein Hexenmeister verhilft dem trauernden Witwer zur Wiederauferstehung seiner Frau, und überzüchtete Pferde stürzen die Herrschaft der gnadenlosen Menschen.

Diese Erzählungen des Unheimlichen und Gespenstischen stammen überwiegend von zeitgenössischen Autoren, sie stellen ein so unterhaltsames wie hintergründiges Segment lateinamerikanischer Literatur vor. Sie erzählen von uraltem Glauben und Traditionen der Völker, aber zugleich vom Alltag in einem Kontinent, wo mancher der beschworenen Geister auch heute als Symbol für Unterdrückung verstanden werden kann, wo das Unheimliche alltäglich ist.

Wir haben es hier also mit einer Sammlung von Geschichten zu tun, die sich mit übernatürlichen Dingen befassen und die von zeitgenössischen lateinamerikanischen Autoren verfaßt wurden. (Tatsächlich sind mit Gabriel García Márquez und Carlos Fuentes sogar zwei ziemlich bekannte Autoren darunter.) Diese Geschichten spielen zwar bis auf zwei Ausnahmen in Lateinamerika, haben aber nur bedingt den Charakter von Märchen oder Sagen. Stattdessen sind es teilweise recht moderne Kurzgeschichten, die trotzdem eine für mich exotische und ganz andere Vorstellungswelt präsentieren. Hexen, Menschen mit Flügeln, alte Götter und „belebte“ Gegenstände … eine faszinierende Mischung!

Mir hat diese Sammlung gut gefallen, da sie durchweg gelungene Erzählungen enthält, die zudem meist so kurz sind, daß man sie immer wieder zwischendurch einschieben kann. Allerdings verstehe ich nicht so ganz die Zusammenstellung der Geschichten, konkret ihre Reihenfolge. Das Buch wird mit einigen der schwächeren Geschichten eröffnet, bis es in den Stories von Gabriel García Márquez und vor allem Carlos Fuentes einen ersten Höhepunkt findet. Danach bleibt das Niveau durchgehend hoch, wobei mir das „Komplott im Jenseits“ und „Die Hand“ besonders gut gefallen haben.