Alle Seelen

Alle Seelen von Javier Marías
Alle Seelen von Javier Marías

Ein junger Spanier kommt als Gastdozent am All Souls College nach Oxford, ins Zentrum merkwürdiger Einzelgänger, brillanter Originale, seltsamer Spinner und nervöser Sonderlinge. „Tatsächlich ist Oxford eine der Städte der Welt, in der am wenigsten gearbeitet wird; die Tatsache, dazusein, ist dort sehr viel entscheidender als die Tatsache, etwas zu tun oder gar zu handeln.“ Wie ein Ethnologe beobachtet er die Sitten und Gebräuche dieser besonderen Gesellschaft aus Professoren und Studenten, Alumni und Tutoren, die Marotten und Obsessionen, ohne doch den rechten Eintritt in die Welt dieser ganz eigentümlichen und einmaligen Stadt gleich zu finden. Doch wird er zu einem der „high table“-Dinner geladen, einem dieser speziellen Oxforder Universitätsrituale. Das Dinner auf erhöhtem Platz vor den Augen der Studenten entwickelt sich im Laufe des Abends allerdings zum grotesken Gelage. Während des Essens treffen sich seine Blicke mit denen der verheirateten Dozentin Clare Bayes. „Ich muß sagen, so wie Clare Bayes mich verstohlen mit einer Mischung aus Spott und Mitgefühl beobachtete, beobachtete auch ich sie mit großem Gefallen und später, als der allgemeine Verfall am Tisch eingesetzt hatte, mit offener sexueller Bewunderung.“ So beginnt eine Affäre in Oxford …

Wieder ein verwirrender Klappentext. Manchmal frage ich mich, ob die Klappentextschreiber die Bücher überhaupt lesen oder nur ihre Zusammenfassung. „Alle Seelen“ ist nämlich weniger ein Buch über eine Liebesgeschichte, auch wenn eine Liebesgeschichte darin eine Rolle spielt. Es ist vielmehr ein Buch über Oxford, über seine seltsame Universitätsgesellschaft, über Heimat und Herkunft, Emotionen und die Art sie zu zeigen, über Lebensziele und Lebensträume, Würde, Sterben … Und tatsächlich auch eine Art ethnologische Aufzeichnung eines Außenseiters über einen seltsamen Stamm.

Die Fremdheit des spanischen Dozenten in England, in Oxford, ja selbst in der gesellschaftlichen Schicht, in der er sich jetzt bewegt, durchzieht diesen Roman wie einen roten Faden. Er findet keine Basis mit seinen englischen Kollegen, kann keine mit ihnen finden, da er aus einem völlig anderen Milieu und einer völlig anderen Gesellschaft kommt. So durchstreift er die Stadt meist einsam in langen Spaziergängen, beobachtet und denkt nach über sich und seine Bekannten. Die Melancholie, die sich wie der berühmte englische Nebel über all das legt, wäre unerträglich, wenn das ganze nicht mit hintergründigem Humor gewürzt wäre.

Javier Marías Art zu schreiben gefällt mir wirklich gut. Ich denke, ich werden noch mehr von ihm lesen.