Die Hälfte der Sonne

Die Hälfte der Sonne von Chimamanda Ngozi Adichie
Die Hälfte der Sonne von Chimamanda Ngozi Adichie

Die Hungerkatastrophe in Biafra, war die erste Katastrophe dieser Art, die von den Medien mit Berichten und Bildern begleitet wurde, die erste, die quasi direkt in den Wohnzimmern des reichen Westens ankam. Diese Bilder müssen so erschreckend und beeindruckend gewesen sein, daß der Ausdruck „dünn wie ein Biafrakind“ auch heute noch im deutschen Sprachgebrauch verwendet wird. Für mich, die ich einige Jahre nach der Katastrophe geboren wurde, war Biafra immer synonym mit den schrecklichen Bildern aus Afrika von ausgehungerten Menschen und den dürren Kindern mit ihren dicken Bäuchen. Bilder, die mich Mitte der 80er Jahre im Grundschulalter haben begreifen lassen, daß es auf dieser Welt tatsächlich Menschen gibt, die sterben, weil sie nichts zu Essen haben (ein Gedanke, der mich auch heute noch manchmal vor Ehrfurcht erschauern läßt angesichts der Fülle in unseren Supermärkten und dem Gefühl wirklich und wahrhaftig priviligiert zu sein mit meinem warmen Bett und meinem vollen Kühlschrank).

Aber was „Biafra“ wirklich bedeutet, ob das jetzt ein Landstrich in Afrika ist oder ein Stamm oder sonstwas, das wußte ich nicht. Erst aus „Die Hälfte der Sonne“ habe ich gelernt, daß Biafra für eine kurze Zeit einmal ein Staat gewesen ist:

In ihrem neuen Roman erzählt Chimamanda Ngozi Adichie von der hoffnungsvollen Gründung und der grausamen Zerschlagung des Staates Biafra in den Sechzigern. Sie erzählt von den Menschen dort, einem Dorfjungen, einer privilegierten jungen Frau, einem englischen Schriftsteller, deren Wege sich kreuzen und deren Leben vom Krieg unwiderruflich verändert wird. Sie erzählt, am Beispiel Biafras, von Afrika.

Das klingt jetzt als wäre „Die Hälfte der Sonne“ eine Art Schulbuch und der gehobenen Bildung zuträglich, eine laue Lektüre wie man sie ganz sicher nicht lesen möchte. Aber das ist es nicht! Im Gegenteil, dieses Buch mit seinen über 600 Seiten kann man gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich habe es in drei Tagen verschlungen, dabei oft die Luft angehalten vor Rührung, Erregung und Entsetzen, mich an den Seiten festgeklammert, mich zu dem Buch vorgebeugt vor Aufregung. Die Informationen über die politischen Entwicklungen, die zur Gründung des Staates Biafra und zu seiner Zerschlagung geführt haben, bekommt man dabei mit als hätte man alles selbst erlebt.

Und gleichzeitig ist dieses ungeheuer spannende Buch auch noch wahnsinnig raffiniert konstruiert. Denn Chimamanda Ngozi Adichie erzählt in vier Teilen abwechselnd von den frühen 60ern, den späten 60ern, wieder den frühen 60ern und schließlich wieder den späten 60ern. Vor allem der erste Zeitsprung in die späten 60er, wo man noch denkt, es ginge um die persönlichen Entwicklungen der beiden Paare, die die Hauptfiguren des Buches darstellen, die Andeutungen auf Ereignisse und Zerwürfnisse, die man nur erahnen und erraten kann, baut eine Spannung auf, die fast unerträglich ist. In diesem zweiten Teil beginnen die politischen Ereignisse wichtiger zu werden und gerade als es da so richtig spannend wird, findet man sich schon im dritten Teil, der die persönlichen Entwicklungen der Charaktere beleuchtet, über die man davor nur rätseln konnte. Ein wirklich großartiger Kunstgriff!

Es sind zwei weitere Dinge, die mir an diesem Buch (positiv) aufgefallen sind:

Adichie schildert zwar die Sicht der Igbo, aber sie betreibt keine Schwarz-Weiß-Malerei. Bei ihr gibt es auch Figuren aus anderen Stämmen, die ungeheuer sympathisch und menschlich geschildert werden (besonders der Haussa Mohammed ist mir dabei in Erinnerung, der entsetzt ist über die Massaker, die seine Leute „im Namen Allahs“ verüben und immer wieder „Gott wird ihnen das nie vergeben“ murmelt). Und es gibt Igbo, die feige, dumm, hinterhältig oder gewalttätig sind.

Das zweite ist etwas, das mir als Frau gefällt und vielleicht daran liegt, daß Adichie eine AutorIN ist … Bei beiden Paaren erweisen sich die Frauen schlußendlich als die stärkeren Persönlichkeiten. Das soll nicht heißen, daß die Männer schwach wären, im Gegenteil. Der Mathematiker Odenigbo und der weiße Möchtegern-Schriftsteller Richard sind ungeheuer sympathische Figuren, und gerade Richard reift im Laufe des Buches zu einer beeindruckenden Persönlichkeit. Die Zwillingsschwestern Olanna und Kainene aber sind … ah, toll! Kainene ist dabei von Anfang an eine starke, ja sogar dominante Geschäftsfrau (und es ist ja auch ihre Stärke, die Richard an ihr am meisten bewundert), die schon bald den Krieg sehr realistisch sieht, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann, der Biafra eher pathetisch verklärt wahrnimmt. Olanna dagegen scheint sich erst ihrem Partner völlig unterzuordnen und empfindet sich auch als weit weniger stark als er oder ihre Schwester. Und obwohl ihr Entsetzen und ihre Angst angesichts der Massaker sie zunächst buchstäblich lähmen, entwickelt sie mit der Zeit eine ungeheuere Kraft. Gerade diese beeindruckende Entwicklung wird dabei so subtil geschildert, daß man jeden kleinen Schritt nachvollziehen (und mitleiden) kann.

Ein tolles tolles Buch! Lesen!