Augustblitze

Augustblitze von Jorge Ibargüengoitia
Augustblitze von Jorge Ibargüengoitia

In der Bibliothek Suhrkamp sind einige wunderbare Perlen der modernen Literatur erschienen. Und schön aufgemacht ist die Reihe auch noch (wobei mir die „bunten“ Bücher besser gefallen, als die weißen mit dem bunten Streifen). „Augustblitze“ ist eine dieser Perlen und ich habe mich selten so gut amüsiert wie mit diesem schmalen Bändchen. Warum? Hier der Klappentext:

Nicht jedem ist es vergönnt, „De bello gallico“ zu schreiben. Mancher Schlachten- und Revolutionsgeneral muß es hinnehmen, daß ihm ein windiger Ghostwriter seine als Rechtfertigungsschrift angelegten Memoiren zum Beispiel „Augustblitze“ übertitelt. Und was darin dann aufblitzt, sind nicht allemal blanke Schwerter – metaphorisch gesprochen, denn wir sind im 20. Jahrhundert, wo statt Schwertern ein dynamitbeladener Zugwaggon den Vorstoß machen soll -, sondern der schalkhafte Humor des Autors, der dem General die Feder führt. Der Autor, Jorge Ibargüengoitia (1928-1983), erlaubt sich, mit den heiligsten Gütern der mexikanischen Revolution zu scherzen. Dem Entsetzen jeden Krieges dagegen erlaubt er nur momentweise Zutritt.

Dieses Schelmenstück einer Revolutionsbeschreibung, das Ibargüengoitia da im Namen des Generals José Guadalupe Arroyo (von allen nur Lupe genannt) auf die Seiten bringt ist tatsächlich zum Schreien komisch. Der lakonischen Tonfall des Generals, seine oft zynischen Bemerkungen und Lästereien, lassen die Revolution wirken, wie eine Mischung aus Gentleman-Club-Jagdvergnügen und einem Film von den drei Stooges. Da wird sich getroffen, Pläne besprochen (ohne Ergebnis), Vorstöße gemacht und munter füsiliert.

Warum die Revolution eigentlich veranstaltet wird bleibt genauso im Dunkeln wie ihre Ziele. Im Grunde haben einige Generäle die Macht bekommen, die die Gruppe um Lupe für sich erwartet hatte. Und weil Lupe und seine Verbündeten jetzt nicht die Macht haben und auch nichts besseres zu tun, revolutionieren sie eben. Ein nicht ganz unrealistisches Szenario, klärt uns doch der Autor in seinem Nachwort darüber auf, daß Mexiko im Jahr 1938 tatsächlich über 200(!!!) Generäle im aktiven Dienst hatte, 40 davon sogar Divisionsgeneräle. Aber im ganzen Land gab es nicht einmal Truppen für drei Divisionen. Daß einem da nichts besseres einfällt, als zu intrigieren und sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, ist irgendwo naheliegend.

Das Brillante an „Augustblitze“ ist aber, wie gesagt, die Art, wie die Geschichte erzählt wird. Lupes Tonfall ist herrlich! Tatsächlich habe ich mir das Buch über weite Strecken laut vorgelesen (und bin dabei immer wieder in Lachsalven ausgebrochen). Hier nur zwei von vielen höchstvergnüglichen Beispielen, die man einfach selbst gelesen haben muß!

Das erste Treffen der Verschwörer, noch hoffen sie, ihre Sache politisch im Abgeordnetenhaus entscheiden zu können:

Hier meldete ich mich zu Wort. Ich erinnere mich, haargenau folgendes gesagt zu haben: „Wir werden auf der Galerie stehen, um dir unsere moralische Unterstützung zu geben.“

Und nicht, wie der dicke Artajo in seinen Memoiren behauptet: „Wir werden das Abgeordnetenhaus mit unseren Truppen umstellen und die Deputierten zwingen, die Verfassung einstweilen als unzweckmäßig aufzuheben.“ Das ist eine Verleumdung, unwürdig eines mexikanischen Soldaten. Erstens standen meine Truppen, also das 45. Kavallerieregiment, in Vieyra, Viey.; zweitens war ich schon immer der Meinung, die Verfassung, unsere Magna Charta, sei eine der höchsten nationalen Ehren und dürfe folglich nicht für einstweilen aufgehoben erklärt werden; drittens war ich immer der Überzeugung, die Abgeordneten seien ein Haufen Schwachköpfe und es sei keine einzige Truppe nötig, um sie so oder anders handeln zu lassen.

Später dann als sie schon fröhlich am Kämpfen und Erobern strategischer Punkte sind, ein Treffen mit dem amerikanischen Konsul:

„Wenn eine einzige Kugel auf die andere Seite des Flusses fällt“, sagte Mister Robertson, der ein so rotköpfiger Amerikaner war, daß man das Gefühl hatte, er werde gleich platzen, „erklärt die Regierung der USA Mexiko den Krieg.“

Unser Angriffsplan sah ein einleitendes Bombardement vor, und zwar so, daß auf die andere Seite nicht eine Kugel fallen würde, sondern deren tausend.

„Aber Sie müssen verstehen, wenn wir von hier aus dorthin schießen, verirren sich einige Kugeln unweigerlich auf die andere Seite“, sagte Trenza und hatte recht.

Als einzige Antwort zeigte uns der Amerikaner einen Brief des State Departement, in welchem laut Hauptmann Sánchez, der Englisch konnte, tatsächlich stand, man würde uns den Krieg erklären, wenn auch nur eine einzige Kugel fehlgehe.

„Sie sind immer schon ein sehr egoistisches Land gewesen“, sagte ich erhitzt zu ihm.