Der Verrückte des Zaren

Der Verrückte des Zaren von Jaan Kross
Der Verrückte des Zaren von Jaan Kross

Jakob Mättik erzählt in seinem Tagebuch die dramatische Geschichte seines Schwagers, des deutsch-baltischen Adligen Timotheus von Bock, der sich 1812 im Krieg gegen Napoleon ausgezeichnet und das Vertrauen und die Freundschaft Zar Alexanders I. erworben hat. Alexander nimmt ihm das Versprechen ab, seinem Zaren gegenüber immer die Wahrheit zu sagen. Bock hält sein Versprechen und übergibt dem Zaren in Memorandum, in dem er die Mißstände im Russischen Reich schonungslos offen legt und auch vor dem Herrscher nicht zurückschreckt: „Man soll nie seine Herrscher beschuldigen! Sie sind nur das, was wir selbst aus ihnen machen. Wenn wir sie von der Wiege an durch Katzbuckelei vergiften, wie können wir verlangen, unser Wohlbefinden möge ihnen am Herzen liegen?“ Doch seine Kühnheit wird bitter bestraft, er wird verhaftet und eingekerkert. Seine schwangere Frau Eeva, die Schwester Jakobs, bleibt zurück. Nach neun Jahren wird Bock für verrückt erklärt und kommt frei, aber der neue Zar Nikolaus I. erlaubt Bock auf seinem Gut nur das Leben eines Sondergefangenen unter Aufsicht. Nicht nur die Aufseher, auch Jakob rätselt, ob sein Schwager nun ein Schwärmer, ein Rebell oder eben ein Verrückter ist …

Da ich Geschichte studiert habe (wenn auch nur im Nebenfach), bin ich bei historischen Romanen immer ein bißchen kritisch. „Der Verrückte des Zaren“ halte ich trotzdem für ganz gut gelungen.

Jaan Kross schafft es gut, die Atmosphäre im Estland des 19. Jahrhunderts einzufangen. Eine ganz eigene Gesellschaft, die sich dem Leser da präsentiert. Deutsche bzw. deutschstämmige Adelige, die ihre Herkunft teilweise bis auf die Ritter des deutschen Ordens zurückführen können. Ein Leibeigenensystem, das große Ähnlichkeit mit Sklaverei hat (und im gesamten russischen Reich ja üblich war). Und vor allem eine extremes Klassenbewußtsein.

Dazwischen steht Jakob Mättik, von seinem Schwager eher unfreiwillig aus seinem Stand herausgehoben, gebildet und in Kreisen verkehrend, die eigentlich nicht die seinen sind. Sein Tagebuch, in dem er abwechselnd über die vergangenen und gegenwärtigen Dinge berichtet, wird ihm dabei zu einer Hilfe, um mit seiner außergewöhnlichen Situation fertig zu werden. Dabei ist die Geschichte seiner persönlichen Entwicklung fast noch interessanter als die Geschichte seines Schwagers, zumindest für mich.