Erzähler der Nacht

Erzähler der Nacht von Rafik Schami
Erzähler der Nacht von Rafik Schami

Schon die von Rafik Schami zusammengestellte und überarbeitete Sammlung der „Märchen aus Malula“ hat mir sehr gut gefallen. „Erzähler der Nacht“ ist nochmal ein wenig besser, vielleicht weil Schami hier mit seinen eigenen Worten eine eigene Geschichte erzählt. Auch in diesem Buch verwendet er zwar Märchenmotive, aber wirklich groß sind seine Beschreibungen und Dialoge. Und darum geht es:

Der Kutscher Salim ist der beste Erzähler im christlichen Viertel von Damaskus. Nun aber geht seine Fee (quasi seine Muse) „in Rente“. Weil sie den alten Erzähler aber sehr sympathisch findet, hat sie mit der Feenkönigin einen Deal ausgehandelt: Wenn Salim in den nächsten drei Monaten sieben außergewöhnliche Geschenke bekommt, wird ihm eine neue, junge Muse zugeteilt. Seine letzten Worte nutzt er dazu, seine sieben besten Freunde, die jeden Abend zu ihm zum Tee trinken, in die Sache einzuweihen. Sie probieren alles mögliche aus, aber nichts hilft. Salim entdeckt derweil sein Viertel mit seinen Augen, seiner Nase und seinen Ohren ganz neu. Erst als die Zeit fast um ist, kommt den Alten der rettende Einfall: Jeder der Freunde wird in den nächsten Nächten Salim eine Geschichte zum Geschenk machen.

Wunderbar ist dabei das Zusammenspiel der alten Männer, die alle aus völlig unterschiedlichen Schichten und Lebensumständen kommen. Vom Ex-Sträfling bis zum Ex-Minister, alle verbindet der christliche Glaube und das abendliche Treffen bei Salim. Ihre Dialoge und Neckereien haben mich angenehm an die Alten aus „Bajjas Liebhaber“ erinnert. Großartig ist, daß die meisten der Geschichten, die sie schließlich erzählen, zwar durchaus märchenhafte Züge tragen, aber auch oft Geschichten aus ihrem eigenen Leben sind. Eine besondere Überraschung ist allerdings die letzte Geschichte (und mehr will ich dazu auch nicht verraten). Und besonders bezaubernd ist die Stelle, an der am Ende des 12. Kapitels das Feuer dem Holz seine Geschichte erzählt.

Für Schamis wunderbare Beschreibungen aber muß ich hier unbedingt ein Beispiel geben. Wie schon bei „Die Stimmen von Marrakesch“ habe ich mir eine Stelle ausgesucht, in der der Basar geschildert wird. Anders als Canetti aber, dessen Beschreibung vor allem visuell ist, lauscht Schami den „Stimmen“ der Gewürze:

Als Salim das Café verließ, schlug ihm eine Duftwolke aus dem Gewürzmarkt entgegen. Kreuzkümmel, Kardamom und Koriander triumphierten aufdringlich über alle anderen Gewürze, doch immer wieder meldete sich Thymian aus den Bergen Syriens mit nicht überhörbarer Sturheit und tiefer Stimme. Der Zimt flüsterte süßlich und verführerisch zwischendurch, wenn die Herrscher der Gewürze nicht aufpaßten. Nur die Safranblüten verließen sich stumm auf die Verlockung ihrer leuchtendgelben Farbe.