Fluchten

Fluchten von Rachid Boudjedra
Fluchten von Rachid Boudjedra

Die Geschichte spielt in einer Familie von Pferdezüchtern. Ila, dessen Leben schmerzlich von seiner Unfruchtbarkeit bestimmt wird, füllt sein Leben zum einen mit seiner Passion für das Pferdezüchten an, zum anderen durch die Adoption einer Reihe von Kindern. Er unternimmt lange Reisen in Nachahmung der großen Reisenden, deren Reiseberichte zu seiner Standardlektüre gehören.

Die permanente Suche des Protagonisten, dessen Leben von Reisen, Irrfahrten und Fluchten bestimmt ist, entführt den Leser in verschiedene Stationen – Constantine, Tunis, Algier, Moskau, Peking, Hanoi, Barcelona, Paris -, die mit einfühlsamer Liebe zum Details beschrieben werden.

Nach diesem Klappentext hatte ich ein beschauliches Buch über Reisen und die Begegnungen in verschiedenen Städten erwartet. „Fluchten“ ist alles mögliche, aber beschaulich ganz sicher nicht. Ich kannte bisher nichts von Rachid Boudjedra, deshalb hat er es hier geschafft, mich zu überraschen, ja, mich zu überwältigen.

Vielleicht sollte ich zunächst aber einmal sagen, daß in diesem Buch zwar oft aus den Werken der großen Reisenden Ibn Battuta, Vasco da Gama und Marco Polo oder dem Historiker Ibn Khaldun zitiert wird, und daß zwar auch alle Adoptivkinder von Ila vorkommen (Ali Bis, der wegen einer Hure Ilas Geld gestohlen hat, Ali, der ihn deswegen über Jahrzehnte verfolgt, und die ikonoklastische, depressive und lesbische Lol), daß es aber eigentlich nicht um Ila und seine Frau Lil geht. Der Roman wird stattdessen aus der Sicht des jüngsten Adoptivkindes, Lam, erzählt, von dem anders als von den anderen Adoptivkinder nicht bekannt ist, wann und wo er geboren wurde. Der immer den Verdacht hat, daß Ila seine Herkunft verschleiert hat (und da er blond und blauäugig ist, könnte da durchaus etwas dran sein), der daran verzweifelt und auf seinen Reisen (erst in Collège, dann im Auftrag des algerischen Widerstands) auch auf der Suche nach sich selbst ist.

Was mich an diesem Buch absolut überwältigt hat, ist die Sprache. Boudjedra hat einen fast schon expressionistischen Stil, man wird von der ersten Minute an in eine turbulente und höchst lebendige Familie hineingeworfen, die man einfach lieben muß, die einem durch die Authentizität und die Eindringlichkeit der Schilderungen ungeheuer nahe kommt. Grandios sind auch die Städtebeschreibungen, durch die man geradezu meint, die Hitze zu spüren, die Farben zu sehen, die Gerüche zu atmen.

Nach Bücher von Rachid Boudjedra werde ich in Zukunft ganz sicher Ausschau halten!