Die Zivilisation, Mutter!

Die Zivilisation, Mutter! von Driss Chraibi
Die Zivilisation, Mutter! von Driss Chraibi

Der Weg dieser marokkanischen Mutter führt aus einer archaischen Welt mitten in die Turbulenzen dieses Jahrhunderts. Mit dreizehn Jahren verheiratet, seither eingeschlossen im magischen Kreis ihres Hauses, und dann der große Einschnitt: Stolz und selbstbewußt erobert sie die Welt.

„Die Zivilisation, Mutter!“ ist ein ganz süßes und ungeheuer humorvolles Buch, eine Liebeserklärung des Autors an alle starken Frauen und Mütter. Ein interessanter und ganz anderer Blick auf eine islamische Frau.

Es sind die beiden halbwüchsigen Söhne, die der eigenen Mutter heimlich einen Schubs von der traditionellen Welt in die Moderne geben. Sie klemmen sie sich irgendwann einfach unter den Arm (und das ist fast wörtlich zu nehmen) und zwingen sie, mit ihnen das Haus zu verlassen. Seit ihrem 13. Lebensjahr hat die immer noch junge Frau das nicht mehr getan und entdeckt nun eine neue Welt.

Aber bei dieser Entdeckung läßt sie es nicht bewenden. Mit dem Wissen, das sie sich erwirbt, erwächst in ihr der Wunsch, ihre Umgebung zu verändern. Schneller und gründlicher als ihre Söhne begreift sie, daß größeres Wissen auch größere Verantwortung bedeutet. Sie mischt sich ein, legt sich mit ihrem Mann, Politikern und Lehrern an, und versucht, auch anderen Frauen Bildung nahe zu bringen, sie zum Nachdenken zu bewegen.

Neben dem liebevollen Humor des Buches (ungeheuer komisch, wie sich die Mutter z.B. das Radio zunächst durch Zauberei erklärt) und der ungeheuer sympathischen Hauptfigur, sind es vor allem die Erzählweise und die Entwicklung des Vaters der Familie, die mir an „Die Zivilisation, Mutter!“ besonders gut gefallen haben. Erzählt wird die Geschichte nämlich zunächst aus der Sicht des jüngeren, intellektuelleren Sohns, der schließlich aber nach Frankreich geht, um dort zu studieren. Den zweiten Teil erzählt dann der lebenslustige und faule ältere Bruder. Die beiden „Berichte“ unterscheiden sich in ihrem Tonfall erheblich, wobei mir die zweite Hälfte noch ein wenig besser gefällt. Und der Vater? Den sollte man als Leser im Auge behalten, denn seine Entwicklung wird oft nur dezent angedeutet. Aber ihn zu beobachten lohnt, denn er ist deutlich eine der interessantesten Figuren des Romans.

„Die Zivilisation, Mutter!“ wird mit einem Nachwort von Khalid Duran abgerundet, in dem die literarische Entwicklung Driss Chraibis im Spannungsfeld zwischen Marokko und Frankreich nachgezeichnet wird. Ich bedaure sehr, daß es einige der darin erwähnten Romane nicht auf Deutsch gibt, habe mir aber zumindest „Ermittlungen im Landesinnern“ auf meine Leseliste gesetzt.