Ein anderer Ort

Ein anderer Ort von Amos Oz
Ein anderer Ort von Amos Oz

Der Kibbuz Mezudat Ram liegt an der nördlichen Grenze Israels, ein Dorf wie keines sonst, auch wenn es mit seinen geraden Betonwegen, Häusern in gleichmäßigem Abstand, seinen klaren Linien und Formen manchen vielleicht steril vorkommen mag, aber: „Unser Dorf ist sehr wohl hübsch und malerisch, aber seine Schönheit ist von männlich vitalem Charakter, und das Pittoreske birgt hier eine Botschaft.“ Der Kibbuz ist einmal von den äußeren Feinden bedroht, zum anderen von den inneren, moralisch keineswegs unanfechtbaren Leidenschaften seiner Bewohner durchsetzt. Seltsame Liebesverwirrungen herrschen, der Klatsch spielt eine wichtige Rolle. Da gibt es den grünäugigen, Gedichte schreibenden Lehrer Ruven Charisch, den seine Frau Eva in Richtung Deutschland verließ, und den bulligen Lastwagenfahrer Esra Berger, mit dessen Frau Bronka Ruven ein melancholisches Verhältnis hat. Ruvens Tochter Noga wiederum, schlank, schön und zart wie ein Reh, elektrisiert die Phantasie von Esra. Doch sie ist mit Rami befreundet, dem Sohn von Fruma, der größten Klatschbase im Dorf. Mit jeder neu auftretenden und sich einmischenden Person, ihrem Beruf, ihrer Lebensweise und ihren moralischen und ideologischen Ansichten wird das Portrait des Dorfes reicher, vielfältiger und tiefenschärfer …

„Ein anderer Ort“ ist ein mehr als zutreffender Titel für Amos Oz‘ Kibbuz-Roman. Diese abgeschlossene Gemeinschaft mit ihren ganz eigenen Regeln und Gesetzen, ihrem Zusammenleben auf engstem Raum, erscheint oft wie ein ganz anderer Ort. Ja, wie nicht von dieser Welt. Das Leben folgt hier einem ganz eigenen Rhythmus, und ihn zu verstehen kann viel über das israelische Selbstverständnis lehren.

Gleichzeitig ist der „andere Ort“ des Buches aber auch die Innenwelt der Charaktere, vor allem der jungen Noga. Ihr Versuch, sich im Leben zurechtzufinden, ihr Kampf um das eigene selbst, ist so surreal wie schwerelos. Und es ist nicht nur sie, die schwere Zeiten durchstehen muß. Die gesamte Gemeinschaft geht durch eine regelrechte Katharsis um wieder zu einem inneren Frieden zu finden (ein äußerer ist ja noch immer nicht möglich).

Die einzigartige Atmosphäre des Kibbuz einzufangen und dabei ungeheuer lebendige Charaktere zu erschaffen, das ist Oz‘ großer Verdienst. Wirklich beeindruckend, dieses Buch!

Was an dieser Ausgabe aber wirklich grauenhaft ist: das Lektorat! Die SZ-Bibliothek ist generell keine Glanzleistung der Lektoren, aber „Ein anderer Ort“ ist ein absoluter Tiefpunkt in der Hinsicht. Nicht daß tatsächlich Fehler enthalten wären. Nein, es sind Leerzeichen falsch gesetzt! Man sollte meinen, das wäre nicht so das Problem, aber wenn man liest „daß während der Beerdigung drei Düsenjäger über dem Talk reisten“, statt „über dem Tal kreisten“, dann ist das schon heftig. Und das ist nur eines von vielen Beispielen!