Du bist ich

Du bist ich von Joan Aiken
Du bist ich von Joan Aiken

Zwei junge Damen sitzen im Torhausgebäude der Abbey School von Reading, die sie drei Jahre gemeinsam besucht haben. Sie sind verabredet zu einem folgenreichen Gespräch, Louisa Winship aus Northhumberland in England und Sarah Alvey Clement aus New Bedford in Massachusetts. Sie mögen sich nicht, das hat einen deutlichen Grund. Obwohl sie in keiner Weise miteinander verwandt sind, sehen sie sich so ähnlich wie eineiige Zwillinge: „Beider Gesicht war lang und oval, beider Teint klar. Beide hatten sie dunkelbraunes, leicht gewelltes Haar, schön geschnittene Lippen und kleine gerade Nasen.“ Diese Ähnlichkeit bringt Louisa Winship, weil sie als Missionarin nach Indien gehen will, auf die Idee, mit ihrer Doppelgängerin die Identität zu tauschen. Zögernd willigt Sarah Alvey Clement, die Schriftstellerin werden möchte, in das riskante Spiel ein. So fährt sie, die Amerikanerin, mit Louisas zwei erwachsenen Schwestern, die in den Betrug eingeweiht sind und sie auf die Familie und ihre Gewohnheiten vorbereiten, zum Stammsitz der Winships. Gut präpariert trifft die falsche Louisa dort ein, und alles scheint so aufzugehen, wie es sich die Doppelgängerinnen ausgedacht haben …

„Du bist ich“ kommt auf den ersten Blick wie ein Roman von Jane Austen oder Edward M. Forster daher. Und sicher steht Joan Aikens Buch in der Tradition dieser Autoren. 1987 veröffentlicht, also kaum 20 Jahre alt, folgt auch die Sprache und der Erzählaufbau von „Du bist ich“ ganz den alten Vorbildern. Das Buch ist auf angenehme Art altmodisch und langwierig. Aiken nimmt sich Zeit für ihre Figuren, Zeit sie vorzustellen, Zeit sie zu entwickeln.

Trotz dieses altmodischen Duktus ist „Du bist ich“ ein ungeheuer modernes Buch. Denn anders als die Romane, deren Tradition es folgt, ist das Ende der Geschichte nicht Friede, Freude, Eierkuchen oder zumindest das Einlaufen in den Hafen einer halbwegs zufriedenen Ehe. Aikens Hauptfigur wagt ihr eigenes Leben. Und wenn das bedeutet, daß der freundliche Arzt plötzlich nicht mehr an ihr interessiert ist, weil er herausfindet, daß sie eine erfolgreiche und finanziell unabhängige Schriftstellerin geworden ist … umso besser!

Ich kannte Joan Aiken bisher nur als Autorin von (sehr guten) Kinder- und Jugendbücher. Sie als Autorin von Erwachsenenromanen und dann auch noch von so guten zu entdecken, war eine angenehme Überraschung. Denn so langsam sie ihre Geschichte auch entwickelt, sie ist immer sehr spannend zu lesen. Ganz bestimmt nicht mein letztes Buch von Aiken!