Die Welt hinter Dukla

Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk

Die Welt hinter Dukla von Andrzej Stasiuk

„Ich komme immer wieder in dieses Dukla zurück, um es bei unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen“, schreibt Andrzej Stasiuk, der keine Handlung erzählen will, nur Ereignisse. So kehrt er stets wieder in dieses Dorf am Rande der Karpaten zurück, in dem sommers wie winters „immer etwas los ist“. Schon der Knabe folgt den Spuren von Licht und Nacht, läßt sich treiben durch das Dickicht der Nachmittage, an denen eigentlich nichts passiert, die aber gleichwohl dicht angefüllt sind mit Gerüchen und Geräuschen, mit Lichteindrücken und kleinen Abenteuern der Entdeckung. Eines Tages taucht ein braunes Mädchen in weißem Kleid beim Tanzen auf. Der dreizehnjährige Junge verfällt ihrem Bann, er versucht, gleichsam in sie hineinzuschlüpfen, sie sozusagen von innen zu berühren. Doch aller Beobachtungsanstrengungen zum Trotz kommt es nur zu flüchtigen, plötzlichen Begegnungen. Stasiuks Streifzüge durch Dukla folgen unsichtbaren Wegen und Pfaden durch Atmosphären und Stimmungen, er sammelt Erlebnissplitter, in denen er zugleich sich selbst auf die Spur kommt. Es entsteht das vielfarbig schillernde Kaleidoskop eines so flüchtigen wie einprägsamen poetischen Bilderreigens: „Das Bild, der Zwillingsbruder unseres Verstandes, wird uns überleben.“

Der Klappentext zu „Die Welt hinter Dukla“ klingt nicht sonderlich spannend. Und nachdem ich „Berittener Bogenschütze“ gelesen hatte, das so ähnlich klang und ganz schrecklich war, habe ich mich ein wenig vor diesem Buch hier gedrückt. Als ich es dann aber angefangen habe, war ich sofort begeistert.

Andrzej Stasiuk schreibt auf eine Weise über die Stadt Dukla, die ich bisher noch nie erlebt habe. Seine Prosa ist … ungeheuerlich faszinierend, überwältigend, einfach wunder-wunderschön. Es ist unglaublich, wie er über Licht und Luft schreibt, die dadurch geradezu zu den Protagonisten des Romans werden. Und weil ich so ungeheuer begeistert bin von Stasiuks Art, dadurch eine ganz eigene, einzigartige Welt zu schaffen, hier ein paar Auszüge:

Jedesmal wenn ich in Dukla bin, ist etwas los. Kürzlich war es das frostige Dezemberlicht bei Sonnenuntergang. Dunkles Blau durchsponn die Luft. Es war unsichtbar, aber tastbar und hart. Es senkte sich auf den viereckigen Marktplatz und erstarrte wie gefrorenes Wasser. Das Rathaus stak in einem Block aus zartem Eis, das die Ränder des Rathausturms und der Attika schliff, und die Leute waren so klug gewesen, vorher zu gehen. Was toter Stein erträgt, kann für den Leib bedrohlich sein. Die Schatten, die von Zeit zu Zeit über die Mauern huschten, gehörten Trinkern. Sie waren warm von innen und außen und deshalb außer Gefahr. Trotzdem wagte es keiner von ihnen, eine Abkürzung zu nehmen und quer über den Marktplatz zu gehen, in dieses Glas und Klangrevier hineinzuplatzen.

***

Mittsommer, Vorgebirge. Die Morgendämmerung holt tief Luft, und jedes Ausatmen ist heller. Eine Stunde noch wird man sich das Leben anderer Menschen vorstellen können. Die tote Zeit, da die Welt langsam sichtbar wird, aber noch unbevölkert ist. Das Licht hat die Farbe geschmolzenen Silbers. Es ist schwer. Es zerläuft am Horizont, doch beleuchtet die Welt nicht. Hier herrscht noch immer Halbdunkel und Mutmaßungen, die Dinge sind kaum ihr eigener Schatten.

***

Die vom Nebel verflachten Konturen waren kaum wahrnehmbar. Allem außer dem entschiedenen Schwarz eignete dieser halbschneeige, halbwäßrige Aggregatzustand. Einfach der Traum eines Farbenblinden oder ein altersschwacher Fernsehapparat. Und selbst dieses Schwarz: die senkrechten Striche der Bäume, die waagrechten Linien der Brückengeländer, selbst sie wirkten wie ihr eigener Schatten. Ganz so, als wären die Gegenstände verschwunden und hätten nur verschwommene Abdrücke im grauen Lichtgestöber hinterlassen.

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