Wieviel Erde braucht der Mensch?

Wieviel Erde braucht der Mensch? von Leo N. Tolstoi

Wieviel Erde braucht der Mensch? von Leo N. Tolstoi

Die „Erzählungen und Legenden“ in „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ sind Leo N. Tolstois Versuch in einer einfachen, volkstümlichen Sprache, den Ungebildeten und Leseunkundigen die Grundsätze des christlichen Lebens nahezubringen. Entsprechend christlich eingefärbt ist der Tonfall der sieben hier vertretenen Geschichten. Sie sind zudem durchweg ein wenig kitschig. Trotzdem lesen sie sich sehr schön und sind in gewisser Weise auch sehr rührend. Ein guter Einstieg in Tolstois Schaffen!

Hier ein Überblick über die einzelnen Geschichten:

In der titelgebenden Geschichte Wieviel Erde braucht der Mensch? versucht der Teufel einen Bauern. Der rafft daraufhin immer mehr und mehr Grund und Boden zusammen. Bis er sich schließlich so verausgabt, daß er stirbt. Das Stück Erde, das er am Ende noch braucht, ist genau sechs Ellen lang: Der Raum nämlich, den sein Grab einnimmt. – Für mich sowohl die beste als auch die zynischste der Geschichten. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob letzteres vom Autor beabsichtigt war.

Der Knecht Jemeljan und die leere Trommel erinnert an ein altes Märchen und ist die Geschichte, in der sich am wenigsten christliche Elemente finden. Der Knecht Jemeljan heiratet eine geheimnisvolle und offensichtlich zauberkundige, wunderschöne Frau, die ihm mit ihren Kräften und gutem Rat zur Seite steht. – Da ich Märchen sehr gerne mag, hat mir diese Geschichte natürlich sehr gut gefallen. Vor allem weil sogar mit der Großmutter von Jemeljans Frau eine Art Baba Jaga auftritt.

In Gottes Mühlen mahlen langsam wird ein Mann zu Unrecht verurteilt und deshalb ins Straflager nach Sibirien verbracht. Dort trifft er nach Jahrzehnten den Mann, der das Verbrechen tatsächlich begangen hat. Da er mittlerweile zum Glauben gefunden hat, vergibt er dem anderen und hilft ihm sogar. – Hier wird das erste Mal ganz klar Tolstois christliche Botschaft transportiert. Die Geschichte selbst ist aber eher langweilig.

Auch in Wo die Liebe ist, da ist auch Gott findet ein Mann zum christlichen Glauben, ein Schuster beginnt die Bibel zu lesen und verändert sich nach und nach dadurch. Eines abends hat er so etwas wie eine Vision, in der ihm versprochen wird, daß ihn der Heiland am nächsten Tag besuchen kommt. In Erwartung Jesu nimmt er nacheinander einige Menschen bei sich auf und hilft ihnen. Am Ende begreift er, daß ihn mit jedem dieser armen Menschen Gott besucht hat. – Eine sehr rührende Geschichte, bei der ich mir einige Male Tränen aus den Augenwinkeln wischen mußte.

Die beiden Alten wollen eine Pilgerreise nach Jerusalem machen. Der ärmere der beiden aber hilft auf dem Weg einer armen Familie und verbraucht so sein gesamtes Geld, er muß nach Hause zurückkehren. Der reichere der beiden sieht seinen ehemaligen Weggefährten aber dennoch am Grabe Christi und begreift, daß der andere durch seine Taten seine Pilgerfahrt vielleicht besser gemeistert hat als er selbst. – Ganz vergnüglich zu lesen, vor allem die Unterschiede zwischen den beiden alten Männern sind schön herausgearbeitet.

In Wovon die Menschen leben nimmt ein armer Schuster unwissentlich einen Engel auf, der für eine Sünde auf die Erde verbannt wurde. Hier muß er nun drei Dinge lernen, um wieder in Gottes Gnade aufgenommen zu werden. – Obwohl man als Leser spätestens beim Namen des Mannnes, den der Schuster aufnimmt, ahnt, daß der ein Engel ist, verfolgt man die Geschichte doch mit einigem Interesse. Immerhin möchte man wissen, wieso dieser Engel nun auf Erde weilt. Und die Auflösung ist einmal mehr sehr herzergreifend.

Der Taufsohn schließlich lädt eine große Schuld auf sich und sucht Hilfe bei einem Einsiedler. Der erklärt ihm nur kurz, wie er sich erlösen kann, und stirbt. So muß der Protagonist selbst herausfinden, was genau der Einsiedler mit seinen kryptischen Worten gemeint hat. Immer wieder muß er sich dabei mit einem zynischen Räuber auseinandersetzen. Als er die Erlösung erlangt und stirbt, ist auch der Räuber zum Guten bekehrt und nimmt den Platz des Taufsohns ein. – Hier verbindet Tolstoi sehr kunstvoll Elemente des Märchens mit seiner christlichen Botschaft. Die kommt so nicht mit erhobenem Zeigefinger herüber sondern angenehm dezent. Neben der ersten Geschichte die stärkste Erzählung dieses Bandes.

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