Das darfst du nicht!

Das darfst du nicht! von Walli Nagel

Das darfst du nicht! von Walli Nagel

Walli Nagel verbrachte ihre Kindheit in Petersburg, erlebte die Revolution des Jahres 1917, machte die Bekanntschaft bedeutender Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens (Lenin, Krupskaja, Lunatscharski u.a.), studierte Schauspiel, Ballett und Gesang und lernte schließlich den Maler Otto Nagel kennen, der sie kurzentschlossen heiratete und nach Deutschland mitnahm. Das war 1925.

In ihren Erzählungen werden Stationen dieser Entwicklung sichtbar, tauchen große Künstler auf (Zille, Kollwitz u.v.a.m.). Die Autorin erzählt ihr „schönes, schweres Leben“ humorvoll und mit großer Parteilichkeit.

Von „Das darfst du nicht!“ hatte ich mir, ganz ehrlich, mehr erwartet. Walli Nagel hatte nämlich ein mehr als nur interessantes Leben. Als Walentina Alexandrowna Nikitina in St. Petersburg geboren, erlebt sie die Zarenherrschaft und die Revolution, sie heiratet den deutschen Maler Otto Nagel, folgt ihm nach Berlin und engagiert sich dort wie er in der kommunistischen Partei. Nach 1933 erleben sie den Schrecken der Nazi-Zeit, Otto Nagel wird ins KZ gebracht, seine Frau bekommt ihn durch Bestechung frei, trotzdem arbeiten sie bis zum Kriegsende weiter im Untergrund. Die beiden arbeiten am Aufbau des neuen Staates DDR aktiv mit und haben beste Kontakte zu Künstlern und in die UdSSR.

Allerdings merkt man der Autobiographie von Walli Nagel an, daß sie zum einen zwar Schauspielerin aber ganz sicher keine Schriftstellerin ist, daß sie also mit dem geschriebenen Wort nicht so virtuos umgehen kann, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Zum anderen ist ganz deutlich zu sehen, daß hier eine alte Frau auf ihr bewegtes Leben zurückblickt.

Man kennt es von seinen eigenen Großeltern, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählen: Oft erwähnen sie Namen und Begebenheiten, die man nicht sofort und ohne nachzufragen kennt. Auch springen sie immer einmal wieder von einem Ereignis zum nächsten, ohne daß man einen inneren Zusammenhang erkennen könnte (obwohl es den sicher gibt, man kennt ihn eben nur nicht). Genauso erzählt auch Walli Nagel. Ihre Sprache ist erzählte Sprache, ja man meint sie vor einem sitzen und zu einem sprechen zu hören. Dadurch entsteht eine Nähe zu ihr und gleichzeitig eine Distanz. Denn die Ereignisse, die sie wirklich schmerzen, die dramatischen und bewegenden Momente, die läßt sie aus (verständlicherweise) oder es gelingt ihr nicht, sie zu vermitteln. Man kann ihr deshalb nicht böse sein, so einen „Seelenstriptease“ trauen sich nur die wenigsten Menschen.

Trotzdem habe ich mir beim Lesen immer wieder überlegt, was das für ein Wahnsinnsbuch hätte werden können, wenn man es anders angepackt hätte. Ab und zu blitzen Juwelen auf, die andeuten, wieviel ein Editor, der nicht mit der Autorin verwandt ist (denn editiert wurde das Buch von Walli Nagels Tochter Sibylle und deren Mann), aus diesem Stoff hätte herausholen können. Wenn die junge Walka mit einem ihrer Brüder zusammen die Revolution ansehen geht und sie neugierig ausgerechnet dahin laufen wo geschossen wird zum Beispiel.

„Das darfst du nicht!“ ist dennoch ein ziemlich interessantes Buch, vor allem auch, wenn man es im Hinblick auf die jüngere Zeitgeschichte liest. In der DDR produziert und aufgelegt, findet sich darin doch so einige Schönfärberei über Rußland und die Kommunisten. Ich mußte einige Male ordentlich schmunzeln aber auch schlucken beim Lesen …

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