Mrs Dalloway

Mrs Dalloway von Virginia Woolf

Mrs Dalloway von Virginia Woolf

Ein Junitag in London 1923, an dem Clarissa Dalloway eine ihrer berühmten Abendgesellschaften geben wird. Vormittags ist sie in der Bond Street unterwegs und kauft Blumen: „Sie trat ein, leicht, groß, sehr aufrecht.“ Ein geheimnisvolles Auto taucht auf und verschwindet, Clarissa, die Frau aus gutem Hause, 51 Jahre alt, genießt die Stadt, beobachtet das pulsierende Leben und ist doch ganz mit sich selbst und ihren Gedanken beschäftigt, in denen sie die Erinnerungen an die Jugend vor dreißig Jahren genauso leicht durchstreift, wie sie zum Fest am Abend und den Gästen vorauseilt. Ihr Denken, spontan, flüchtig, kreist ununterbrochen in Fragmenten und Augenblicken um sie selbst, durchdringt die Innenwelt und die Außenhaut ihres Lebens einst und jetzt: Warum hat sie Peter Walsh, den unberechenbaren Abenteurer, nicht geheiratet, sondern Mr Dalloway, den trockenen Parlamentsabgeordneten? Wie verliebt war sie einst in Sally Seton? Während sie in diesem zwanglosen Strom aus Fragen, Antworten und nächsten Antworten gleichsam ruhelos und doch obenauf dahinschwimmt und Big Ben unerbittlich die Stunden zählt, kann parallel dazu Septimus Warren Smith, ein junger Veteran des Ersten Weltkrieges, seinen Visionen, Klärungsversuchen und Wahnvorstellungen aus dem Schützengraben nicht entkommen. Weder seine Frau noch der Psychiater Sir William Bradshaw können die Gefahr abwenden, sich endgültig zu verlieren. Am Abend auf der Party kreuzen sich die beiden Parallelstränge, als Sir William davon erzählt, daß sich der ehemalige Soldat umgebracht hat. Da durchzuckt es Clarissa: „Mitten in meiner Gesellschaft ist der Tod anwesend“, und sie fühlt ihre eigene Lebendigkeit plötzlich ganz unmittelbar.

Virginia Woolf ist eine der Autorinnen, die ich schon lange auf meiner Leseliste habe, von der ich aber trotzdem noch nie etwas gelesen habe. Dank der SZ-Bibliothek bin ich nun aber endlich dazu gekommen. Und ich muß sagen, „Mrs Dalloway“ ist ein wirklich tolles Buch!

Dabei werden bei diesem Roman wohl alle die enttäuscht werden, die sich von ihm irgendeine Art von Handlung erwarten. Klar passiert etwas, aber viel ist es nicht und spannend erzählt oder überhaupt erzählt im traditionellen Sinne ist es nicht. Das war aber auch niemals Woolfs Intention.

Stattdessen wendet sie gekonnt die „stream of consciousness“-Technik an, mit der wir direkt in die Wahrnehmungen und Gedanken der Charaktere eintauchen. Das Besondere bei diesem Buch ist, daß Woolf nicht nur aus einer Perspektive erzählt, sondern eine Vielzahl von Personen „durchleuchtet“, von denen Mrs Dalloway, Peter Walsh und Septimus Warren Smith nur einige sind. Herausragend dabei ist die Art wie sie von einem Charakter zum nächsten wechselt, nämlich in regelrechten Kameraschwenks. Immer interagiert die Person, aus deren Perspektive gerade erzählt wird, entweder mit der Person, zu der die Perspektive wechselt, oder sie nimmt diese andere Figur zumindest wahr, geht an ihr vorbei, bewegt sich in der selben Umgebung oder ähnliches.

Neben dieser ausgesprochen eleganten Führung der Erzählung sind es aber auch die Charaktere selbst, die „Mrs Dalloway“ zu einem wirklich lesenswerten Buch machen. Allesamt sind sie sympathisch, menschlich, faszinierend, ein wenig schräg oder einfach nur süß. Mein Liebling ist dabei auf alle Fälle Peter Walsh, den ICH ganz sicher jederzeit geheiratet hätte.

Keine Frage, damit ist Virginia Woolf auf meiner Leseliste ein gutes Stück nach oben gerutscht.

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