Der zerrissene April

Der zerrissene April von Ismail Kadare

Der zerrissene April von Ismail Kadare

Hoch oben in den albanischen Bergen liegt Gjorg Berisha in einem Hinterhalt auf der Lauer. Er muß – einem unerbittlichen, uralten Gesetz zufolge – den Sohn seines Nachbarn ermorden, der wiederum Gjorgs Bruder umgebracht hat. Seit Jahren leben beide Familien miteinander im Blut. Gjorg weiß, nach der Tat bleiben ihm noch dreißig Tage Frist, in denen sein Leben nicht angetastet werden darf. Nur ein halber März und ein halber April „wie zwei bereifte Hälften eines abgebrochenen Zweiges“.

Isamil Kadare erzählt die Geschichte der albanischen Blutrache. „Der zerrissene April“ ist ein Roman von archaischer Wucht, der den Leser vom ersten Satz an in seinen Bann zieht.

Ja, „Der zerrissene April“ ist wirklich ein außerordentlich beeindruckendes Buch. Dabei ist die Handlung so schlicht wie schnell erzählt. Gjorg Berisha übt Blutrache und hat danach noch dreißig Tage zu leben. Der Schriftsteller Besian Vorpsi aus Tirana und seine schöne Frau Diana besuchen auf ihrer Hochzeitsreise das Hochland, dessen archaisches Gesetz der Dichter verklärt und bewundert. Die beiden Parteien begegnen sich, Diana und Gjorg sehen sich dabei in die Augen. Nach dieser Begegnung ziehen sie weiter getrennt voneinander durchs Hochland.

Isamil Kadare gelingt es trotzdem dieses Buch ungeheuer interessant zu machen, indem er sehr intensiv aus der Sicht der verschiedenen Personen erzählt. Dabei lastet das Gesetz der Blutrache, der Kanun, schwer wie ein unsichtbares Leichentuch über allem, wodurch die wenigen heiteren und fröhlichen Momente noch intensiver zutage treten.

Ich habe im letzten Absatz nicht umsonst das Wort „intensiv“ gleich zweimal benutzt. Diese Geschichte kann man auch kaum mit einem anderen Wort beschreiben. Sie bewegt den Leser, erweckt den Wunsch, helfend eingreifen zu können, schnürt das Herz zu … Denn von Anfang an weiß man ja, wie es ausgehen wird, ausgehen muß, und hofft doch bis zum Schluß, daß es einen Ausweg geben könnte.

Die Poesie, die Kadares Sprache beherrscht, ist fast schon schmerzhaft schön. Die tiefe Melancholie der Protagonisten, die in den Landschaften, den Häusern, ja sogar im Wetter gespiegelt wird, die gleichsam über allem liegt. Sie verdichtet sich besonders in den Kapiteln, die aus Gjorgs Sicht geschrieben werden, diesem Bluträcher wider Willen, der sich viel mehr Gedanken um alles macht als er sollte, als gut für ihn ist. Selten habe ich um einen Protagonisten aus einem Buch so getrauert, und das von der ersten Seite des Romans an.

Und wenn man sich dann noch überlegt, daß diese Geschichte nicht irgendwann im Mittelalter sondern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt … Hammer!

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