Erlebtes Leben

Erlebtes Leben von Rudolf G. Binding

Erlebtes Leben von Rudolf G. Binding

Wer ist eigentlich Rudolf G. Binding, habe ich mich gefragt, als ich „Erlebtes Leben“ angefangen habe. Wirklich schlauer war ich nach der Lektüre seiner Autobiographie auch nicht. Also habe ich bei Wikipedia ein wenig über ihn gelesen.

Bindings Buch gibt einen faszinierenden Einblick in die Zeit des Kaiserreichs, die Jahre vor und nach dem 1. Weltkrieg. Die Kultur, die Gedankenwelt, die geistige Haltung der Menschen, alles erleben wir durch die Augen dieses Zeitgenossen. Dabei ist Bindings Art, die Erlebnisse für seine Aufzeichnungen auszuwählen, äußerst faszinierend. Er beschreibt nur Szenen, die ihm tief im Gedächtnis geblieben sind, die er also wirklich erlebt hat. Alles andere, alles was nur so an ihm vorbei gerauscht ist, das nimmt er quasi als unerlebt, als nicht gelebt.

Bindings Schreibstil ist zwar ein wenig altmodisch, aber auch ganz wunderbar schwärmerisch und poetisch. Man merkt sofort, daß er nicht nur Schriftsteller sondern auch Dichter war. Dabei ist es mir unbegreiflich, wie dieser Mann sich in seinem Alter so für die Nazis hat einspannen lassen. (Die deutsch-nationale Haltung, die er an den Tag legt, ist dafür übrigens kein Indiz, die hatten damals alle.) Denn wenn ich mir seine Zitate über den Krieg und Zucht und Ordnung der Kaiserzeit so ansehe, dann ist da nicht viel, das mit der Haltung des Nationalsozialismus übereinstimmt:

[…]; obwohl endlich der Pulsschlag des Festes bei allen Teilnehmern warm und echt zu spüren war, so unterstand es doch in merkwürdiger Weise dem Sinn der Zeit für das Paradische, dem strengen Gebundensein an Ort und Stunde, dem Befehl und der Ordnung. Es entwickelte sich nicht so sehr aus dem Herzen der Teilnehmer als daß es sich nach wohlerwogenem nötigen Plane abwickelte wie gedrehtes Garn von einer Spule, und in der Einhaltung befohlener Ordnung bestand für viele die festliche und feierliche Genugtuung. Nichts verstand sich eigentlich von selbst und war sich überlassen.

Es war den Menschen froh und stark zumute und allen trotzdem ernst. Blasse Mädchen gingen weinend aufrecht in der Menge und verhüllten sich nicht sondern leuchteten in Tränen in neuem ungewohnten Stolz. Aber es waren Mütter unter dem Volk, die legten Trauerkleidung an und verschleierten sich. Denn die Mütter wußten was Krieg war, aber das Volk wußte es nicht.

Als ich aus dem Krieg zurückkam war ich einer der das wahre Angesicht der Menschheit gesehen hatte. Es war grausam als es sich nackt und unverhüllt zeigte. Alle Schleier waren heruntergerissen. Wir schauderten vor dem was Menschen Menschen anzutun vermochten.

Erlebtes Leben vor der Restaurierung

Erlebtes Leben vor der Restaurierung

Keiner konnte durch die Hölle gehn und zugleich sagen was sie sei. Wo war einer? Die Kriegsliteraten wußten es anders. Wir aber hatten die Gedichte mit denen wir auszogen in unseren Kleidern erstickt und draußen starben alle Lieder unter den Splittern der Granaten wie alles Leben starb.

Und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen …

So wie rechts sah das Buch übrigens noch vor ein paar Tagen aus. Ich habe ihm (wie schon des öfteren bei älteren Büchern) einen neuen Umschlag verpaßt. Ganz zufrieden bin ich zwar nicht über die Schärfe der Schrift und die Tatsache, daß sie nicht ganz mittig sitzt (da habe ich beim Einbinden gepatzt). Trotzdem sieht das Buch jetzt viel besser aus als vorher, finde ich. Ach ja … die Stadtkarte ist natürlich die von Frankfurt, das Binding immer als seine Heimat bezeichnet hat, auch wenn er kaum je dort lebte.

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