Die schöne Frau Seidenman

Die schöne Frau Seidenmann von Andrzej Szczypiorski

Die schöne Frau Seidenman von Andrzej Szczypiorski

Warschau während der deutschen Okkupation. Die schöne Irma Seidenman, Witwe eines kurz vor Kriegsausbruch verstorbenen Röntgenologen, fühlt sich ganz als Polin. Erst die deutsche Besatzung läßt sie des eigenen Judentums bewußt werden, sie wird an die Gestapo verraten. Doch die Nachricht ihrer Verhaftung läßt ganz verschiedene Personen eine Kette des guten Willens bilden. Vor allem der heimlich in sie verliebte Kunsthändler Pawil Krynski und der Deutsche Johannes Müller, der sich bei seinen SS-Parteigenossen für die unbekannte Frau verbürgt, setzen sich beherzt für sie ein. Aber nicht nur die Tugendhaften haben in diesem in Episodenform erzählten Roman ihre Auftritte. Feige, Egoisten und Denunzianten sind hier genauso zu finden wie Gutmütige und Hilfsbereite. Aus ihren Schicksalen fügt Szczypiorski ein Gesellschaftspanorama zusammen, ein komplexes Beziehungsgeflecht, in dem fast alle in irgendeiner Weise der weiblichen Hauptfigur verbunden sind. Doch endet der Roman nicht in den Vierzigern: Jahre später begegnen sich Frau Seidenman und Pawil Krynski in Paris erneut.

Manchmal frage ich mich, wer diese Klappentexte schreibt. Zumindest die Namen der Protagonisten sollte man doch richtig hinbekommen können, oder? Pawel und Johann, nicht Pawil und Johannes, mein Gott nochmal!

Von diesem kleinen Ärgernis einmal abgesehen ist „Die schöne Frau Seidenman“ ein wirklich großartiges Buch. Andrzej Szczypiorski schafft es, obwohl er als Jugendlicher selbst die Besetzung durch die deutschen Truppen erlebt hat, ein objektives Bild der Situation zu zeichnen. Bei ihm gibt es keine Deutschen und Polen und Juden sondern vor allem und zunächst einmal Menschen.

Bei Szczypiorski gibt es naive Juden, wehrhafte Polen, unterdrückende Deutsche, verräterrische Juden, opportunistische Polen, helfende Deutsche und jede menschenmögliche Spielart dazwischen. Er zeigt uns einmal mehr, daß es damals nicht so sehr auf die Nationalität ankam sondern auf die Gesinnung und auf Menschlichkeit (oder eben den Mangel daran).

Sehr gut hat mir gefallen, daß Szczypiorski nicht bei der von ihm beschriebenen Situation stehen bleibt. Stattdessen unterbricht er seine Erzählung immer wieder, um vorzugreifen auf die Zukunft und den weiteren Lebensverlauf und das Ende bestimmter Personen aufzuzeigen. So bekommt der Leser auch die Auswirkungen des Krieges mit, erfährt von Wunden, die manchmal nach Jahren und Jahrzehnten noch schwären. Zudem gelingt es ihm auf diese Weise auch, die Jahre unter sozialistischer Herrschaft darzustellen, in denen die Opfer der Nazizeit durchaus wieder zu Opfern werden (können).

Für mich war es außerdem interessant, Einblick zu erhalten in das polnische Selbstverständnis. Der polnische Nationalstolz, das Polentum, das immer wieder von verschiedenen Figuren herausgekehrt wird, all dies war mir nicht so bewußt. Und es erklärt natürlich vieles von dem, was heute in Polen passiert.

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