Bajjas Liebhaber

Bajjas Liebhaber von Habib Selmi

Bajjas Liebhaber von Habib Selmi

Tag für Tag, sommers wie winters, bei Glutzhitze wie bei eisiger Kälte, finden sich vier alte Männer unter einem einsam stehenden alten Olivenbaum im tunesischen Sahel ein. Ihr Treffpunkt liegt etwas ausserhalb des Dorfes mit Blick auf den „Weg der Bahren“, die Strasse, die zum Friedhof führt. Unter dem Baumriesen können sie ungestört tun und reden, was sie wollen, „ohne von Frauen und anderen Unbefugten beobachtet und belauscht zu werden“.

Sie diskutieren über Gott, das Jenseits und die Welt, spielen Charbaga, lachen und verspotten einander. Oder sie schweigen. Bis zu dem Tag, an dem die Geschichte um Bajja, eine hübsche, selbstbewußte Witwe, wie ein Blitz aus heiterem Himmel in die abgeschiedene Welt der Männer einschlägt. Längst vergessen geglaubte Gefühle werden wieder wach, und das Feuer der Begierde, seit Jahren erloschen, beginnt von neuem zu lodern.

Wieder einmal ein Klappentext, der irreführender nicht sein könnte. In „Bajjas Liebhaber“ geht es nämlich nur ganz am Rande um Bajja und auch das „Feuer der Begierde“ lodert so hell nicht. Zumindest auf keinen Fall sichtbar. Aber vermutlich würde sich das Buch nicht so gut verkaufen, wenn nur der erste Absatz im Klappentext stehen würde.

Tatsächlich geht es in „Bajjas Liebhaber“ nämlich um Burni, Machmûd, Tajjib und Makki. Die vier alten Männer treffen sich jeden Tag unter „ihrem“ Baum. Schon ein wenig außerhalb der Gesellschaft stehend, verbringen sie gemeinsam ihre Zeit, sticheln sich gegenseitig, machen sich Mut, werden bei Problemen um Rat gefragt und warten schlußendlich auf ihr Ende.

Das faszinierende an diesem Buch ist dabei nicht die Handlung, sondern der intime Einblick, den es uns in das Leben in Tunesien gewährt. Worte, Gesten und Mimik haben eine ganz andere Bedeutung als bei uns, vieles wird nur angedeutet und selbst wenn etwas laut ausgesprochen wird, steht es oft für etwas ganz anderes. Es lohnt sich, bei diesem Roman darauf zu achten, wer wen warum ansieht, wer wem warum zulächelt und sogar wer wen warum neckt.

Gerade wenn man Großeltern oder Eltern hat, die ebenfalls im Alter der vier Männer unter dem Olivenbaum sind, wird einem bewußt, wie menschenwürdig diese vier leben und auch von ihrer Dorfgemeinschaft behandelt werden. Und natürlich, wie menschenunwürdig und einsam Alter in unserer ach so fortschrittlichen westlichen Welt oft ist.

Bei aller Würde und allem Stolz den diese tunesischen Alten haben, soll aber nicht unerwähnt bleiben, daß es Bajjas Schicksal alles andere als gut mit ihr meint. Und daß sie damit ganz und gar nicht alleine ist.

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