Augen zu

Augen zu von Ruth Schweikert

Augen zu von Ruth Schweikert

Der 16. Juni 1995 ist, ein Tag wie jeder Tag, der dreißigste Geburtstag von weltweit ungefähr zweihundertundfünftausend Menschen. In dieser Masse „aufgehoben und wunderbar vernichtet“ lebt in Zürich eine Frau, die sich Aleks Martin Schwarz nennt. Dieser Tag bildet den Hintergrund für einen Roman, der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit einer Liebe und zweier weitverzweigter Familien erzählt, fragmentarisch und präzis zugleich.

Ob Alexander Heinrich nach dreißig Jahren Ehe an einem winterhellen Sonntagnachmittag seine Frau verläßt – „eine fallende Figur, die ihm vollkommen abhängig schien von der Gnade des Augenblicks, den die Schicksalsgöttin auf sie warf“ – oder Ulrike und Imam, selbstvergessen und jeder für sich in den anderen versunken, im Istanbuler Stadtteil Aksarai ihre Schuhe binden. Von Istanbul über Prag nach Paris, von München nach London, Lenzburg und Zürich: Stets entführen die Geschichten die Figuren, die, dem jeweiligen Augenblick schonungslos ausgesetzt, gerade in der eigenen Ohnmacht Halt suchen.

„Augen zu“ könnte eigentlich ein ziemlich interessantes Buch sein. Allein schon die Konstellation der Personen um die weibliche Hauptfigur Aleks ist spannend. Ihr Freund Raoul, Sohn einer jüdischen Mutter und Journalist, dessen Mutter, die am Bahnhof wartet, weil sie glaubt, doch noch deportiert zu werden, die beste Freundin Ulrike, die sich auf viele verschiedene seltsame Männer einläßt, die beiden früheren Lebensgefährten und die neue farbige Frau des einen, ihre beiden unehelichen Söhne. Und dann natürlich ihre dysfunktionale Familie: ihre Mutter eine deutsche Kriegswaise, die Alkoholikerin ist und gegen Ende ihres Lebens in eine Nervenklinik eingewiesen wird, ihr Vater, der im hohen Alter noch eine Freundin findet und deshalb die Mutter verläßt, die Halbschwester, Ergebnis einer Reise des Vaters nach Prag …

Auch die Art, wie das Buch geschrieben ist, ist potentiell interessant. Ruth Schweikert springt zwischen den einzelnen Personen, erst scheinbar wahl- und ziellos, aber bald merkt man, daß es oft bestimmte Stichworte oder Szenen sind, die ein Umschwenken auf die nächste Perspektive auslösen. Bedrückende Erlebnisse aus der Vergangenheit dringen an die Oberfläche. Ein genauso bedrückender Ausblick in die Zukunft zeigt und Aleks, deren drittes Kind schon im Mutterleib stirbt. Eigentlich müßte man von diesem Buch also schnell tief betroffen sein, mitfiebern, mitleiden.

Aber irgendwie passiert das nicht. Die Handlung plätschert dahin, läßt einen völlig kalt, ab und zu liest man schlimme Dinge und bemerkt bei sich keine weitere Reaktion als ein desinteressiertes „aha, hm, ach ja“. Und das ist irgendwie ziemlich schade.

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