Amerika

Amerika von Franz Kafka

Amerika von Franz Kafka

„Weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte“, wird der 16-jährige Karl Roßmann von seinen Eltern aus Prag fort und nach Amerika geschickt. Bestürzt, staunend, schließlich bewundernd erlebt er die Neue Welt, die nichts mit seiner Vaterstadt daheim zu tun hat und in vielem doch an die vertraute Kafkawelt der undurchsichtigen Institutionen mit besonders finsteren Machthabern erinnert. Die Großstadt, in die Karl Roßmann hineingeworfen wird, zeigt das moderne Amerika noch ganz in seinem Anfang: ungeschlacht, überwältigend auch, aber noch kaum angekränkelt von der europäischen Angst.

„Amerika“ (oder „Der Verschollene“, wie das Fragment heute auch genannt wird) ist gewiß Kafkas heiterstes Buch. Wenn der Irrfahrer New York schließlich verläßt, um in den Westen aufzubrechen und sich dem „Naturtheater von Oklahoma“ anzuschließen, geht Franz Kafka und damit der Leser ins Kino: „Vor dem Eingang zum Rennplatz war ein langes, niedriges Podium aufgebaut, auf dem Hunderte Frauen als Engel gekleidet in weißen Tüchern mit großen Flügeln am Rücken auf langen goldglänzenden Trompeten bliesen.“

Es ist faszinierend „Amerika“ zu lesen, wenn man nur kurz davor „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers gelesen hat. Während McCullers ein sehr realistisches Bild der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, ist Franz Kafkas USA-Bild … nun … kafkaesk. Dazu sollte man natürlich vor allem noch bedenken, daß Kafka eigentlich eine Generation vor McCullers lebt und schreibt, und daß er niemals selbst in Amerika war.

Trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) wirft er einen ganz eigenen und kritischen Blick auf die USA. Alles ist größer, lauter, die Menschen sind primitiver, direkter, lauter und … ja … kapitalistischer. Gleichzeitig finden sich in diesem Romanfragment, das Kafka um 1912 begonnen hat, schon die Elemente, die sein Werk so besonders machen. Der Einzelne, der in eine Gesellschaft eingebunden ist, die Regeln folgt, die ihm unbekannt sind. Regeln, die er, ohne es zu wissen, übertritt, wofür er bestraft wird. Immer wieder surrealistische Elemente: unendlich lange Gänge, unrealistisch hohe Treppenstiegen, labyrinthartig angelegte Häuser, völlig absurde Abläufe, Regeln und Charaktere. Oder mit anderen Worten, eine Umgebung, die verwirrt, einschüchtert und ängstigt. Kafka spricht damit heute immer noch vielen Leuten direkt aus der Seele.

Warum die SZ-Redaktion aber ausgerechnet dieses Buch von Kafka ausgewählt hat, ist mir ein Rätsel. „Amerika“ (oder „Der Verschollene“, wie Kafka selbst sein Werk genannt hat) ist nämlich merklich ein Fragment. Nicht nur, daß es kein Ende hat, es fehlen auch ganz deutlich Kapitel eigentlich überall. So trifft der Protagonist Karl Roßmann im letzten vorhandenen Kapitel ein Mädchen namens Fanny, offensichtlich eine gute Bekannte von ihm, von der man davor aber noch nicht gelesen hat. Dankenswerterweise wurden zwei weitere Kapitelentwürfe im Anhang hinzugefügt, die faszinierende Entwicklungen andeuten, die man verdammt gerne gelesen hätte. Zu schade, daß die Tuberkulose Kafka so früh hinweg gerafft hat.

Ein wenig peinlich für die SZ-Redaktion finde ich übrigens, daß zusätzlich zu den beiden Kapiteln im Anhang auch noch ein Nachwort des Herausgebers angekündigt wird, das dann aber nicht abgedruckt ist. Ich vermute, daß dieses Nachwort des Herausgebers, das Nachwort des ursprünglichen Herausgebers war/ist, denn immerhin sind die SZ-Bücher nur unter Lizenz gedruckt. Die Herausgeberrechte liegen bei einem anderen Verlag. Aber es IST peinlich, dann diese läppischen drei Worte „Nachworte des Herausgebers“ nicht zu löschen.

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