Allerseelen

Allerseelen von Cees Nooteboom

Allerseelen von Cees Nooteboom

Berlin im Schnee. Der Niederländer Arthur Daane streift durch die winterliche Großstadt, auf der Suche nach Motiven für einen Film, den er schon seit langer Zeit drehen will, aber auch auf der Suche nach den Erinnerungen an seine Frau und seinen Sohn, die er beide bei einem tragischen Unglück verloren hat. In der melancholischen Stimmung im Berlin der 90er Jahre, das zwischen Vergangenheit und Zukunft aus der Zeit gefallen zu sein scheint, findet er neue Weggefährten: den Philosophen Arno Tieck, den Bildhauer Victor Leven und die Physikerin Zenobia Stein, mit denen er in eindringlichen, aber auch humorvollen Gesprächen mehr als nur sich selbst findet. Und dann ist da noch die junge Geschichtsstudentin Elik Oranje, in die er sich bedingungslos verliebt und der er bis nach Madrid folgt – und noch weiter.

Nootebooms Berlinroman „Allerseelen“ (1999) ist eine einfühlsame Geschichte von einem Menschen auf der Suche nach sich selbst, vom Umgang mit der Erinnerung und der Selbstvergessenheit der Liebe. Zugleich zeichnet sie ein intimes Portrait des neuen Berlin, das wie aus einem Winterschlaf zu erwachen scheint.

Ein Roman in dem ein Niederländer über Deutschland schreibt? Ich war ein bißchen skeptisch, was dabei herauskommen würde … Als ich „Allerseelen“ dann aber gelesen habe, war ich restlos begeistert. Cees Noteboom schreibt mit einer solch hinreißenden Poesie, seine Charaktere und die Schauplätze sind allesamt in eine unterschwellige Melancholie getaucht, die teilweise in bittersüße Nostalgie umschlägt.

Dabei ist nicht nur seine Hauptfigur Arthur Daane absolut großartig dargestellt, auch dessen Freunde Arno (Deutscher), Viktor, Erna, Elik (Niederländer), Zenobia und Vera (Russinnen) sind so sympathisch, so schräg, so anders und gleichzeitig so nah an der Wirklichkeit, daß man sie treffen und mit ihnen sprechen möchte.

Für mich als Deutsche ist es außerdem natürlich auch noch superinteressant, durch „Allerseelen“ ein wenig Einblick in die Sicht der Niederländer auf uns zu bekommen. Und ich muß sagen, sie ist viel positiver als ich dachte (und ganz sicher wesentlich viel positiver als viele Deutsche sich selbst sehen).

Dadurch, daß Arthur Daane Kameramann ist, und auch ständig mit seiner Kamera unterwegs, um (für mich) faszinierende Dinge für sein privates Filmprojekt aufzunehmen, wird die Umgebung oft aus der Sicht eines Filmenden dargestellt. Licht, Kontraste, besondere und ungewöhnliche Blickwinkel, aber auch Szenen und Gedankenfetzen zu den Krisengebieten dieser Welt spielen dadurch eine große Rolle in diesem Buch. Daß Noteboom zusätzlich noch Themen anspricht, die mich ganz besonders interessieren (Tod, Erinnerung, Geschichte, Geschichtsforschung), macht „Allerseelen“ für mich natürlich zu einem absoluten Volltreffer. Ganz ehrlich, ich konnte das Buch manchmal fast nicht aus der Hand legen, so spannend war es.

Ich denke, Leute, die sich an Filmen wie „Der Himmel über Berlin“ erfreuen können, sollten „Allerseelen“ auf alle Fälle lesen. Für mich haben beide Werke eine ähnliche Stimmung (und sogar thematisch berühren sie sich ein wenig).

Ach, da fällt mir noch ein: Die CD „Voice of Blood“ mit Liedern von Hildegard von Bingen, die Arthur und Arno zusammen anhören, kann ich übrigens nur empfehlen.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: