Wellen

Wellen von Eduard von Keyserling

Wellen von Eduard von Keyserling

Schauplatz des Romans „Wellen“ (1911) von Eduard von Keyserling ist die Kurische Nehrung der vorletzten Jahrhundertwende. Bei der Sommerfrische begegnen sich verschiedene Aristokraten in einem Fischerdorf. Es entspinnt sich eine Geschichte voller Leidenschaft und Verzweiflung, voller Intrigen und Hoffnung. Im Mittelpunkt steht der Maler Hans Grill mit seiner Gattin, der Gräfin Doralice. Sie hat gegen die Standesregeln verstoßen, weil sie ihren langweiligen Botschaftergatten verlassen und sich mit dem lebenslustigen Künstler zusammengetan hat. Deshalb wird sie von ihresgleichen mit Mißachtung gestraft. Für die Mädchen Nini und Lolo wird sie hingegen ein bisher ungekanntes Vorbild. Doch dann verliebt sich Lolos Verlobter, der Leutnant Hilmar, in die schillernde Gräfin. Die kleine Welt am Meer gerät vollends aus den Fugen, und die Folgen sind dramatisch. Keyserling zeichnet ein feinfühliges Bild einer untergehenden Gesellschaft.

Wieder ein Buch, das ich ohne die SZ-Bibliothek nie kennengelernt hätte. Und es wäre wirklich verdammt schade gewesen, „Wellen“ von Eduard von Keyserling niemals gelesen zu haben. Der Roman ist nicht nur ausgezeichnet geschrieben, er ist auch noch wunderbar witzig.

Von Keyserling portraitiert die „bessere Gesellschaft“ mit sehr spitzer Feder und herrlicher Ironie. Er spielt geschickt mit Motiven aus den bekannten Gesellschaftsromanen, verwendet fast schon klischeehafte Figuren (meine Favoritin ist übrigens die Generalin von Palikow) und schafft es doch, seine Geschichte auf äußerst originelle Art und in ganz eigenem Tonfall zu erzählen. Dabei sind sowohl seine Dialoge als auch seine Beschreibungen von Personen und Landschaft schlicht brillant:

Das Abendlicht legte sich jetzt plötzlich ganz grellrot und unwahrscheinlich über den Tisch und Fräulein Bork schrie auf: „Seht doch!“ Alle fuhren mit den Köpfen herum. An dem blaßblauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken aud auf dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie große Stücke rotglänzenden Metalls, während die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintüchern überdeckten. Wedig blinzelte mit den roten Wimpern und verzog wieder sein Gesicht, als schmerzte es ihn. „Das ist allerdings rot“, meinte er. Die Generalin jedoch war unzufrieden: „Sie haben mich erschreckt, Malwine, Sie haben eine Art, auf Naturschönheiten aufmerksam zu machen, daß man jedesmal zusammenfährt und glaubt, eine Wespe sitze einem irgendwo im Gesicht.“

„Wellen“ ist ein Buch, das man immer und immer wieder lesen möchte. Sehr zu empfehlen!

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