Die Reiherkönigin

Die Reiherkönigin von Dorota Masłowska

Die Reiherkönigin von Dorota Masłowska

Stans Karriere als Popstar ist am Ende. Die Plattenverkäufe sind im Keller, die Presse setzt ihm mit Gerüchten über sein Sexualleben zu und sein Manager läßt sich am Telefon verleugnen. Von seinem Publikum vergessen und seiner Freundin verlassen, irrt Stan Silvester durch Warschau und sinnt auf Rache.

MC Dorata spürt den falschen Versprechen unserer Konsum- und Medienkultur nach und mixt daraus einen Rap, der mit unzähmbarer Sprachlust das überdrehte Bild einer beschleunigten Gesellschaft zeichnet.

Um „Die Reiherkönigin“ lesen zu können, sollte man ein gutes Rhythmusgefühl haben. Warum? Ganz einfach: wenn hier von einem Rap die Rede ist, dann ist das nicht metaphorisch gemeint. Dorota Masłowska hat dieses Buch tatsächlich in Rap-Form geschrieben und zwar von der ersten bis zur 188 Seite. Der absolute Hammer! Und wirklich genial übersetzt von Olaf Kühl, das kann man nicht anders sagen. Da merkt man die Erfahrung, die Souveränität und das ausgezeichnete Sprachgefühl, daß dieser Mann hat.

Die Geschichte dreht sich tatsächlich irgendwie um den abgehalfterten Popstar Stanislaw Retro, allerdings nähert sich die Autorin ihrem Subjekt über viele Umwege und Abschweigungen. Das Buch teilt sich in vier lose zusammenhängende Geschichten und nur der dritte hat wirklich Stan als Protagonisten. In allen anderen tritt er nur kurz und auch nur in einer absoluten Nebenrolle auf. Stattdessen lernen wir Patricia Pitz, die häßlichste Braut im Viertel, eine hübsche Bäckereifachverkäuferin und Stans Manager kennen. Aber auch die Autorin selbst tritt immer wieder auf.

Masłowskas Sprache ist – typisch für einen Rap – sehr vulgär. Vor allem in den ersten beiden Episoden wimmelt es nur so vor (oft grundlos gebrauchten) Kraftausdrücken. In den letzten beiden Geschichten überwiegen eher Wortspiele, was aber nicht heißt, daß sie dadurch jugendfrei würden.

Gerade in diesen Wortspielen und den Abschweifungen von der eigentlichen Geschichte liegen für mich die besonderen Stärken dieses Textes. Wenn Masłowska sich über Polen oder die EU lustig macht, über Kulturförderung oder auch (und immer wieder gerne) über sich selbst.

Es ist großartig, daß die osteuropäische Kultur immer noch solche außerordentlichen Schriftsteller hervorbringt. Allein diese pure Kühnheit, ein Buch auf diese Weise zu schreiben, die Frechheit des Textes selbst … und das von einer Autorin, die gerade einmal 23 ist. Sehr sehr beeindruckend!

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