Deutschstunde

Deutschstunde von Sigfried Lenz

Deutschstunde von Sigfried Lenz

Siggi Jepsen sitzt in einer Jugendstrafanstalt. Er soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben, doch die Erinnerungen und Einfälle überschwemmen ihn unkontrolliert, so daß er seine Gedanken nicht geordnet zu Papier bringen kann. Er gibt ein leeres Heft ab, was als Ausdruck seiner Aufsässigkeit mißverstanden wird. Zur Strafe muß er den Aufsatz unter verschärften Bedingungen in einer Einzelzelle schreiben. Siggis Erinnerungen führen ihn zurück ins Jahr 1943. Damals war sein Vater Polizist im norddeutschen Dorf Rugbüll und mußte im Auftrag der Nationalsozialisten seinen ehemaligen Jugendfreund und Maler Nansen überwachen, der mit einem Malverbot belegt worden war. Siggi wird zum Verbündeten des Malers, versteckt dessen Bilder und warnt ihn, wenn Gefahr droht. Der zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Herrschaft gehen zu Ende, und mit einem Mal finden sich die Beteiligten in neuen Rollen wieder. Nicht alle kommen mit den veränderten Verhältnissen zurecht, und am Ende landet Siggi in der Jugendstrafanstalt, in der er sich schließlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.

Mit seinem Roman „Deutschstunde“ (1968) gelang Siegfried Lenz der endgültige Durchbruch als Schriftsteller. Er ist ein spannender Akt literarischer Vergangenheitsbewältigung und machte seinen Autor zu einem der wichtigsten Erzähler der Nachkriegszeit.

„Deutschstunde“ von Sigfried Lenz ist eines der Bücher, die immer wieder gerne im Deutschunterricht durchgenommen werden. Ich persönlich wurde zwar davon „verschont“, viele andere mußten aber schon unter dem Buch „leiden“. Dabei ist es schade, daß sich so viele Schüler nicht auf ihre Schullektüre einlassen, sondern sich oft extrem dagegen sträuben. „Deutschstunde“ ist nämlich ein sehr guter Roman, bei dem man sich an keiner Stelle langweilt (und das Buch ist immerhin 490 Seiten stark).

Lenz schafft es gekonnt, auf zwei verschiedenen Zeitebenen jeweils sehr komplexe und faszinierende Milieu- und Charakterstudien zu schaffen. Der Hauptfokus liegt dabei (natürlich) auf den Erlebnissen, die Siggi mit seiner Familie im Dritten Reich hatte. Aber auch die Verhältnisse in der Jugendstrafanstalt werden immer wieder fast beiläufig beleuchtet. Zudem schafft der Autor mit dem Psychologen Wolfgang Mackenroth, der seine Abschlußarbeit über Siggi Jepsen schreiben möchte und dem jungen Häftling immer wieder Ausschnitte daraus zur Lektüre überläßt, einen dritten Blickwinkel auf seinen Protagonisten. So gibt er dem Leser geschickt Informationen an die Hand, die sein Ich-Erzähler ansonsten verschwiegen hätte.

Immer mehr entfaltet sich in „Die Deutschstunde“ also das Leben des Siggi Jepsen. Immer besser kann der Leser nachvollziehen, warum und wie er schließlich straffällig geworden ist. Immer mehr taucht er ein in die Gedankenwelt dieses jungen Mannes, der am Zwiespalt zwischen seinem eigenen Vater und dem Maler Nansen schließlich zerbricht. Denn anders als im (wieder einmal nicht ganz zutreffenden) Klappentext beschrieben, scheitert Siggi nicht an den geänderten Verhältnissen nach dem Krieg (und es ist nicht von Ungefähr ein Psychologe, der sich im Buch für ihn interessiert). Aber ich möchte nicht zu viel verraten …

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: