Sehr geehrter Genosse Honecker, sehr geehrter Dr. Kohl, liebe Katja …

Sehr geehrter Genosse Honecker, sehr geehrter Dr. Kohl, liebe Katja ... von Wolf Biermann

Sehr geehrter Genosse Honecker, sehr geehrter Dr. Kohl, liebe Katja ... von Wolf Biermann

Fünf rausgefischte Briefe mit frischer Vorbemerkung.

Diese fünf Briefe, die in „Sehr geehrter Genosse Honecker, sehr geehrter Dr. Kohl, liebe Katja …“ anläßlich von Wolf Biermanns 70. Geburtstag veröffentlicht wurden, geben einen interessanten Einblick in Biermanns Leben. Eloquent und humorvoll sind sie alle fünf, wenn auch nicht alle gleich faszinierend.

Die ersten beiden Briefe zum Beispiel (eine Bitte an Honecker, einen sterbenden Freund besuchen zu können, und eine Bitte an Kohl, einen politischen Gefangenen in der DDR freikaufen zu lassen) sind eigentlich nur deshalb interessant, weil Biermann mit seinen Anliegen jeweils Erfolg hatte.

Der fünfte Brief an den Musikproduzenten Hans Rudolf Beierlein, der Biermann um einen neuen Text für die „Internationale“ gebeten hatte, ist vor allem sehr witzig zu lesen. Aber man erfährt auch viel persönliches über den Briefeschreiber, sein Verhältnis zur „Internationalen“, zum Kommunismus und der sozialistischen Idee.

Wirklich interessant aber sind der dritte und vierte Brief, die beide die Verhältnisse in der DDR vor und während der Wende behandeln. Der dritte Brief an den Rechtsanwalt der DDR, Wolfgang Vogel, ist dabei natürlich vor allem mit politischen Fakten gespickt. Man erfährt viel, was man so vielleicht nicht wußte (oder sich nie die Mühe gemacht hat, in Erfahrung zu bringen).

Richtiggehend ergreifend ist der vierte Brief, den Biermann an Katja Havemann, die Witwe seines langjährigen Weggefährten und Freundes Robert Havemann, geschrieben hat. Der Brief datiert vom 14. Oktober 1989, mitten in den politischen Umbrüchen der DDR, mitten in den Montagsdemonstrationen … und keine vier Monate nach dem Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking. Biermann spricht Mut zu, drückt seine Hoffnungen und Ängste aus, und mit jeder Zeile, die er schreibt, weiß man, er wäre gerne dort und haßt es tatenlos herumzusitzen. Vor allem aber drückt er das aus, was man damals selbst empfunden hat, als man atemlos vor dem Fernseher saß: Hoffnung gepaart mit Angst vor gewalttätigen Reaktionen des Staatsaparats und natürlich ungeheuere Bewunderung für all die Menschen, die trotz dieser Angst immer wieder auf die Straße gegangen sind.

An die fünf Briefe schließen noch eine (sehr kurze) Vita und eine Auflistung aller Bücher und CDs, die Biermann bislang veröffentlicht hat, an. Alles in allem also ein wirklich gut gelungenes Jubiläumsbändchen, das Zweitauseneins da vorgelegt hat!

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