Das Treibhaus

Das Treibhaus von Wolfgang Koeppen

Das Treibhaus von Wolfgang Koeppen

Im Bonn der Fünfzigerjahre beherrscht Untertanentum und wiedererstarkender Nationalismus das politische Klima. Verzweifelt kämpft der sozialdemokratische Abgeordnete Keetenheuve gegen die Wiederaufrüstung und die Militarisierung der westdeutschen Gesellschaft. Er, der aus dem Londoner Exil das Naziregime bekämpft hat, muß feststellen, daß sich in Deutschland viel zu wenig verändert: Die alten Eliten greifen wieder nach der Macht, die Mitläufer von einst sind längst still und heimlich wieder integriert. Die Opposition ist gelähmt, und „der Kanzler“ regiert mit seinem autoritären Stil beinahe nach Belieben. Selbst in der eigenen Partei gilt Keetenheuve als schwarzes Schaf, weil er sich nicht dem Fraktionszwang unterordnen will und ein Recht auf seine eigene Meinung beansprucht. Manchmal hat er das Gefühl, daß er dort als ehemaliger Emigrant lediglich eine Alibifunktion erfüllt. Doch nicht allein im politischen Treibhaus Bonn fällt es ihm schwer sich zurechtzufinden. Auch sein Privatleben wird auf eine harte Probe gestellt.

Koeppens Roman „Das Treibhaus“ (1953) ist ein einfühlsames Stimmungsbild der jungen Bundesrepublik. Wegen der Nähe mancher Protagonisten zu Figuren der Zeitgeschichte – der „Kanzler“ gleicht Konrad Adenauer, der Oppositionspolitiker Knurrewahn ähnelt Kurt Schumacher – wurde er oft als Schlüsselroman verstanden. Doch ist er mehr als nur ein Kommentar zur politischen Zeitgeschichte: eine faszinierende literarische Erforschung der bundesrepublikanischen Seenlandschaft der Nachkriegsjahre.

Ja, man kann ihn gut verstehen, diesen Abgeordneten Keetenheuve in „Das Treibhaus“. So wünscht man sich eigentlich seine Politiker: moralisch berührt, Dinge hinterfragend, engagiert und menschlich. Und genauso stellt man es sich vor, daß eben diese Leute an der (Partei-)Politik scheitern.

Obwohl in „Das Treibhaus“ natürlich die spezielle Nachkriegsproblematik gegeben ist, die Koeppen exzellent und kenntnisreich portraitiert, ist das Buch erstaunlich (oder eher erschreckend) aktuell. Schon etabliert sich die Presse als die vierte Macht im Staat, schon wird geklüngelt, intrigiert, bestochen und erpreßt. Es ist kein schönes Bild das Koeppen von der parlamentarischen Arbeit zeichnet. Und die heutige Politikverdrossenheit zeigt, daß viele Menschen Politik noch immer genau so wahrnehmen.

Die persönliche, private Situation des Abgeordneten Keetenheuve hätte es, zumindest meiner Meinung nach, gar nicht gebraucht, um aus „Das Treibhaus“ ein gutes Buch zu machen. Aber sie unterstreicht natürlich noch die Verzweiflung und Melancholie des Protagonisten. Und das bis zum wahrlich bitteren Ende.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: