Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke

„Ich glaube, ich müßte anfangen, etwas zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne. Ich bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen“, schreibt Malte Laurids Brigge in sein Tagebuch. Das bleibt nicht lange so. Der letzte Sproß eines aussterbenden dänischen Adelsgeschlechts verliert nach dem Tod seiner Eltern alles: seinen Besitz, seine Heimat. Er versucht, sich als Dichter im Paris der Jahrhundertwende durchzuschlagen. Mit wachem Blick zeichnet er das Bild einer pulsierenden Metropole, die zum Zentrum der modernen Welt wird. In seinen atemlosen Tagebucheinträgen berichtet er von den ewig hell erleuchteten Restaurants, den gesichtslosen Passanten und dem rasenden Verkehr, von den Bettlern und den Kranken. Bald droht der übergenaue Beobachter im besinnungslosen Strudel der Großstadt unterzugehen. Doch da entdeckt er eine zweite, innere Welt: Durch die kalten Gassen von Paris trägt er das Kind in sich, die Erinnerungen an seine Jugend auf dem dänischen Landsitz der Familie. Die „Scheinwerfer des Herzens“ richten sich nach innen, und seine Spaziergänge durch Paris werden zu Gedankengängen durch die Welt seiner Gefühle.

Rilkes existenzialistischer, lyrischer Roman ist der Beginn der literarischen Moderne in der deutschsprachigen Literatur. In seinem fragmentarischen Stil spiegelt er die Zerrissenheit der modernen Welt. Er ist ein intimes Tagebuch von schonungsloser Offenheit, ein literarisches Puzzle, welches sich vor den Augen des Lesers zu einem Bild tiefer Ehrlichkeit und Schönheit zusammenfügt.

„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ habe ich das erste Mal mit 16 oder 17 gelesen, mitten in meiner „Goth-Phase“. Ich fand es großartig! Jetzt, da ich es Dank der SZ-Bibliothek noch einmal gelesen habe, muß ich sagen: Es IST großartig!

Dabei ist der Klappentext einmal mehr ziemlicher Müll. Nein, es passiert nicht bald sehr viel da in Paris wo Malte Laurids Brigge lebt. Es passiert tatsächlich im Prinzip nichts. Aber das ist auch nicht der Punkt dieses Buches. „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ sind eben genau das: Tagebuchaufzeichnungen. Dabei springen die Einträge immer wieder zwischen der Beobachtung der Gegenwart und verschiedenen Punkten in der Vergangenheit, an die Malte sich, oft ausgelöst durch gegenwärtige Ereignisse, erinnert (so, wie man das bei seinen privaten Tagebucheinträgen eben macht).

Rainer Maria Rilke war und ist einer meiner Lieblingsdichter. Und seiner Prosa merkt man an, daß er eigentlich Lyriker ist. Er schafft es grandiose und bewegende Bilder mit Worten zu malen. Gleichzeitig sein Roman so wunderbar morbide, daß es eine reine Freude ist. Gut zwei Drittel des Buchs handeln von Tod, dem Sterben, Krankheit, ja sogar Geistererscheinungen, über die kaum einer so bunt, so satt und voll geschrieben hat.

Bei kaum einem anderen Buch habe ich übrigens so viele Ecken umgeknickt, um großartige Stellen sofort wiederfinden zu können. (Ich weiß, ich weiß, einige werden jetzt Blasphemie schreien, aber ich kaufe Bücher, um sie zu BENUTZEN und nicht, um einen Schrein für sie aufzubauen.) Eigentlich kann man den Roman immer und überall aufschlagen, um großartige Stellen zu finden, so gut ist es. Sprich, ich habe mir die superkalifragilistisch expiallegorischen Stellen markiert. Sie sind es nämlich echt wert!

Schön ist, daß in der Ausgabe der SZ-Bibliothek auch noch zwei frühere Versionen des Anfangs und zwei frühere Versionen des Schlusses enthalten sind. Faszinierend zu sehen, wie Rilke seinem Roman allein durch Eingang und Ausgang eine völlig neue Note, eine völlig neue Tonart geben konnte. Keine Frage, der Mann war ein Meister!

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: