Der englische Patient

Der englische Patient von Michael Ondaatje

Der englische Patient von Michael Ondaatje

„Der englische Patient“ ist wieder einmal ein Buch, das ich ohne die SZ-Bibliothek nie gelesen hätte. Warum? Zunächst natürlich einmal wegen dieses furchtbaren Schmachtfetzens, den Hollywood daraus gemacht hat. Und zum Zweiten wegen des (wieder einmal) unsäglichen Klappentextes:

Italien gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. In einer verlassenen, abgelegnen Villa haben die Alliierten ein Lazarett eingerichtet. Hier pflegt die kanadische Krankenschwester Hana die Verwundeten der letzten Offensiven. Doch als die Alliierten entscheiden, das Lager abzubrechen und weiterzuziehen, entschließt sich Hana zurückzubleiben, um sich um einen schwer verwundeten, transportunfähigen Patienten zu kümmern. Dieser ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, sein ganzer Körper ist eingehüllt mit Bandagen, und selbst an seinen Namen kann oder will er sich nicht mehr erinnern. Doch gerade darum fasziniert er Hana: Wer ist dieser mysteriöse und schweigsame Mann, den sie nur als den „englischen Patienten“ kennt? Welche Geschichte verbirgt sich hinter seinen undurchdringlichen Augen? Noch bevor sie eine Antwort finden kann, stoßen der italienische Spion Caravaggio und der indische Minensucher Kip zu Hana und quartieren sich bei ihr ein. Während sich die Kampfhandlungen immer weiter entfernen, entspinnt sich hier in der stillen Villa zwischen den vier Protagonisten eine wechselhafte Beziehung zwischen Verdächtigung und Verlangen, zwischen Haß und Liebe. Der Krieg zieht weiter, doch für die Hauptfiguren, die so zufällig zusammengefunden haben, beginnt der Kampf mit den Gefühlen erst.

Der Klappentext nämlich geht in die selbe Richtung wie das, was ich auf Grund des Films vermutet hätte: Beziehungskram, Liebe, Eifersucht, blablabla. Ondaatjes Roman aber ist ungleich größer. Sicher haben die vier Menschen, die sich in diesem Haus versammeln, Gefühle füreinander (auch wenn Eifersucht eher nicht darunter ist), teilweise kennen sie sich sogar von vor dem Krieg. Und auch die Geschichte des „englischen Patienten“ wird offenbar, wenn auch nicht so ausführlich und melodramatisch wie im Film. Aber eigentlich geht es in dem Buch um etwas anderes.

Denn eigentlich ist bei jeder Szene, bei jedem Satz, bei jeder kleinsten Handlung immer noch ein fünfter Protagonist beteiligt: Der Krieg. In jedem Dialog, in jedem Monolog spricht Krieg, jede Handbewegung erzählt vom Krieg, der verbrannte Pilot, die abgestumpfte Krankenschwester, der verstümmelte Agent, der fremdländische Minensucher, alles alles in „Der englische Patient“ wird vom Krieg beherrscht. Dabei gelingt es Ondaatje ungeheuer subtil und gleichzeitig umso beeindruckender zu vermitteln, was die Schrecken des Krieges diesen Menschen angetan haben und immer noch antun.

Und es ist Ondaatje, Sohn einer singhalesisch-tamilisch-holländischen Familie, der die Worte für die Bomben von Hiroshima und Nagasaki gefunden hat, die mir vorher so nicht bewußt waren, die aber nichtsdestotrotz erschreckend wahr sind:

Carvaggio setzt sich in den Sessel. Er sitzt immer, denkt er, in diesem Sessel. Im Zimmer hört man das dünne Kreischen aus dem Detektor, das Radio, das mit seiner Unterwasserstimme weiterredet. Er bringt es nicht fertig, sich umzudrehen und den Pionier anzusehen oder zu dem verschwommenen Fleck von Hanas Kleid zu schauen. Er weiß, der junge Pionier hat recht. Niemals hätten sie eine solche Bombe auf eine weiße Nation abgeworfen.

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